Sehen
In Vera verliebt
Ich will ja nicht hoffen,
daß sie mich übersieht,
sie sieht so scharf aus,
sie sieht gut,
richtig scharfsichtig.
Und sie sieht einem
ins Gesicht.
Während ich ihr eher –
also zuerst –
auf die Brust schaue.
Aber das macht nichts,
denn sie sieht das nicht.
Glaube ich zumindest.
Auf den ersten Blick
hat sie mir nicht
so gefallen.
Sie war eigentlich nicht
der Typ auf den
ich sonst so stehe.
Dazu ist sie zu dünn.
Naja, was man so dünn nennt,
sie ist mehr als nur schlank.
Eine schlanke Frau hat immerhin
eine weibliche Figur,
und das heißt,
daß sie auch gewisse Rundungen hat.
Also Hüften, Taille, Busen
und einen ansehnlichen Hintern.
Vera hat diese Rundungen nicht.
Aber dennoch hat sie etwas,
das diese Rundungen mehr als wettmacht:
sie hat ein Gesicht.
Ein Gesicht, das ein Ausdruck hat.
Ein Ausdruck, den ich klassisch nenne.
Als ich sie zum ersten Mal sah,
dachte ich sofort:
Die kenne ich!
Ich kenne sie von…
Und dann mußte ich erstmal nachdenken.
Ich kam nicht sofort drauf,
ließ es erstmal dabei bleiben,
und am anderen Tag kam ich drauf.
Es war nachmittags,
als ich meinen Kaffee
vor mich hingestellt hatte,
mein Buch zur Hand genommen
und zu lesen beginnen wollte.
Ich las gerade Ich bin das Schwert
von Annemarie Nathusius.
Da wußte ich,
daß dieses „Die kenne ich“,
nicht im realen Leben stattgefunden hatte,
sondern es war eine Figur
aus einem Roman.
Es war nicht aus dem Buch
was ich gerade las,
nein, es war aus einem Roman
von Jean Paul –,
ich weiß nicht mehr,
wie ich so schnell drauf gekommen bin
und ich weiß nicht mehr,
welcher genau das war.
Darin wurde eine Frau beschrieben,
die genauso war wie Vera.
Also beschrieben hat sie Jean Paul –
genau so wie ich sie mir vorstellte.
Und genau so sieht Vera aus.
Und diese Frau in dem Roman
von Jean Paul,
war mir offenbar so sympathisch,
daß meine Erinnerung,
obwohl das schon viele Jahre her ist,
seit ich diesen Jean Paul-Roman gelesen habe –,
diese verblüffende Ähnlichkeit erkannte!
Vera ist somit ein Produkt
aus meiner eigenen Phantasie?
Ich muß da nochmal drüber nachdenken,
jedenfalls bin ich ganz verliebt in sie.
Dieses Gesicht,
dieser Ausdruck darin,
wenn sie mich ansieht.
Und dabei haben wir noch
kein einziges Wort gesprochen.
Ich kenne sie gar nicht persönlich,
habe mich nur von Alex hierher
mitnehmen lassen,
weil ich wußte,
sie ist heute auch eingeladen.
Mal schauen ob wir miteinander
ins Gespräch kommen –
und wie ihre Stimme so ist.