Sehen

Inselleben

Skorpion

Alle reden sie immer davon, vom Glücklichsein.
Das Glück soll genossen werden, sie streben danach wie die Motten zum Licht.
Genieße es jeden Tag, jeden Augenblick, carpe diem,
Sorge dich nicht um die Zukunft.
Ist das nicht etwas anstrengend? Jeden Tag zu nutzen,
ihn wie den möglichen letzten Tag zu leben?
Was ist mit dem Unglück? Dem Nicht-Glück?
Will es nicht auch genossen werden?
Hingabe an das Unglücklichsein,
es aushalten, mit ihm reden, hinterfragen, in Erinnerungen schwelgen.
Oder möchten wir dieses Gefühl schnellstmöglich wieder loswerden?
Sich nach einem Beziehungsaus vielleicht so richtig ins Leben stürzen,
nach dem „Jetzt-erst-Recht-Motto“?
Vermeintlich einfacher scheint Letzteres zu sein.
Doch am Ende kommt es, wenn man es nur zu überspielen versucht,
es verdrängt und verleugnet, eine Maske aus Schminke darüber tüncht,
so lange zu einem zurück bis es akzeptiert und verarbeitet wird.
Ich hatte eine Insel. Ich hatte eine Insel in Deutschland. In einer Ostseestadt.
Ich hatte eine Insel, in seichtem Gewässer,
in tosendem Meer, in gischtschäumender Brandung, in leichter Brise.
Ich hatte eine Insel in der Leichtigkeit des Seins. Dort hatte ich die schönsten Stunden.
Stunden der Ruhe und des Sich-in-Ruhe-Lassens. Des Verständnisses. Der Abgeschiedenheit. Fern von Alltag. Nah bei mir. Eine Insel im Fluss. Bescheiden und so wertvoll.
Und plötzlich kam der Tag des Abschieds von der Insel.
Ich zog um. Auf eine Halbinsel, mit Bindung ans Festland. Die Stürme auf der wasserzugewandten Seite wurden stärker, das Inselleben schwächer.
Nah am Alltag. Fern von mir. Und dir. Vom Glück.
Und so genieße ich dieses Unglück. Halte es fest, schwelge in Erinnerungen.
Einer Insel aus Sigur Rós, aus Prosecco und Antipasti.
Einer Insel aus Frühstücken im Bett.
Einer Insel aus langen Autobahnfahrten, aus Entdeckungsreisen ins Erkennen im Anderen.
Ich hatte eine Insel …

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