Sehen

Irgendwann erwischt es jeden

Jan-Josef Markwort

Früher oder später
erwischt es jeden einmal,
sowohl den Mann
als auch die Frau,
nämlich die Erkenntnis,
dass die Regelblutung
ausgeblieben ist.

Mein Gott! Und die Frau denkt sich
vielleicht am ersten Tag
noch nichts.
Aber spätestens
nach ein paar Tagen —
sie kennt ja ihren Körper —
weiß sie,
da stimmt etwas nicht.

Sie macht heimlich einen Schwangerschaftstest,
der positiv ausfällt.
Und sie fragt sich,
wie bringe ich es
demjenigen bei,
der mich geschwängert hat.

Je nachdem, wie die Frau innerlich
konstruiert ist,
wird sie es ihm mal
schonend
und mal direkt
ins Gesicht sagen.

Und jetzt ist es der Mann,
der beginnt,
sich Fragen zu stellen.
Freue ich mich
oder bin ich einfach nur
zutiefst schockiert?
Unterstelle ich ihr,
dass sie eigentlich immer schon
ein Kind wollte
und mich nur ausgenutzt hat?

Und sie denkt sich,
dieser Scheißkerl —
wieso hat der kein Kondom benutzt?
Und sie fragt sich,
wird er bei mir bleiben,
wird er ein guter Vater sein
oder eher jemand,
der mich sitzen lässt?

Nun, heutzutage ist das Ganze
gesellschaftlich nicht mehr
ganz so dramatisch
wie vor 100 Jahren.
Dort war man als Frau
eine geächtete Person.

Und als Mann musste man
mehr oder weniger
seinen Mann stehen
und in eine Ehe einwilligen,
auch wenn man das überhaupt gar nicht wollte.
Wenn nicht,
war man gesellschaftlich erledigt.

Heute spielt das Gott sei Dank
weniger eine Rolle —
oder vielleicht auch nicht.

Denn so wachsen Kinder
ohne ihre Väter auf,
wenn sie denn geboren werden.
Oder sie werden abgetrieben,
weil man sich ein Kind
zu diesem Zeitpunkt
nicht leisten kann
oder leisten möchte,
weil die individuelle schnelle Entfaltung
an vorderster Stelle steht
und nicht die Übernahme von Verantwortung
für ein junges Leben,
das in den nächsten achtzehn Jahren
heranwachsen wird.

Ja, dieser Moment hat viele Beziehungen
zum Scheitern gebracht,
manche auch zwangsvereinigte,
nicht viele,
aber einige.

Manche Frauen haben das
als Erpressungspotenzial genutzt
und sind damit grandios gescheitert.

Manche Männer haben sich
dem Vatersein verweigert,
nur um Jahrzehnte später
ein schlechtes Gewissen zu haben
und dann vor der Tür
einer unbekannten Person zu stehen,
um zu sagen:
Hallo,
ich bin dein Vater.

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