Sehen

Ist sie es?

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Nein, sie ist es nicht.
Sie ist es nicht und doch ist sie es.
So wie sie dasteht –
und wartet,
eine Zigarette im Mundwinkel.

Hat sie jemals geraucht?
Nein, das kann sie nicht sein.
Das kann sie nicht sein,
weil ich nicht will,
daß sie es ist.

Ihre Haare sind hellblond gefärbt.
Sie ist doch immer brünett gewesen.
Nein, Mona,
meine Mona –
das bist nicht du!

Sie hat ein Tattoo auf ihren Unterarm –
ein schreckliches Motiv!
Und ein auffälliges Piercing
in der linken Augenbraue –
abscheulich.

Sie steht da weiter und wartet.
Raucht einfach gelassen weiter
und schaut zum blauen Himmel.
Nein Mona,
das kannst du nicht sein,
du bist es wirklich nicht.

Und doch, es sind deine Beine,
die ich so oft gestreichelt habe,
auf denen ich meinen Kopf gelegt habe
wenn wir auf meinem Bett gelegen haben –
danach.

Mich macht es traurig
und auch irgendwie zornig zu sehen,
wie du es bist –
und doch nicht sein kannst.

So, wie du dastehst.
Du siehst mich nicht.
Ich stehe an der Straßenecke gegenüber
und stehe im Schatten.

Du in der Sonne. Du scheinst ein wenig zugenommen zu haben.
Ich habe dich viel schlanker in Erinnerung.

Aber es steht dir gut,
ja, eine tolle Figur hast du.
Aber du bist es ja nicht.

Du kannst es einfach nicht sein.
Nicht meine Mona.
Meine geliebte Mona von früher.

Deine beste Freundin Corinna –
die hat´s mir erzählt! –
Ich habe sie vor einer Woche
im „Fandango“ getroffen –,
da, wo wir uns früher immer getroffen haben.

Du und ich und Corinna –
und all die anderen aus unserer Gruppe.
Alle liebten dich,
alle wollten dich haben,
alle waren verrückt nach dir.

Aber ich hab dich gekriegt,
du hast mich erhört.
Ich habe so um dich geworben,
ich habe alles getan was ging.

Und du hast schließlich einfach „ja“ gesagt,
hast gemeint,
du wärest auch in mich verliebt.

Ich konnte es damals nicht glauben,
aber später habe ich dann erkannt,
daß du es ehrlich gemeint hattest,
daß du die Wahrheit gesagt hast
über deine Verliebtheit in mich.

Und wir waren so ein glückliches
und so ein schönes Paar.
Wie viele haben uns beneidet?

Und jetzt – nach all dem –
ich habe dich,
als du mich verlassen hast,
bestimmt zehn Jahre nicht gesehen.

Und jetzt das hier.
Du, Mona.
Du bist es doch,
oder.

Nein, du bist es nicht,
du kannst das nicht sein.

So einen billigen Minirock
hättest du früher niemals angezogen!
Und diese silberne Handtasche…

Nein, und so schrecklich grell
hättest du dich niemals geschminkt!

Du bist es nicht! Du kannst es nicht sein!

Ich komm jetzt gleich zu dir rüber
und werde dein nächster Freier sein.

Vielleicht erkennst du mich ja wieder,
vielleicht aber auch nicht,
oder du tust so,
als würdest du mich nicht kennen.

Bist du meine Mona?
Von damals?
Besser nicht.

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