Sehen

Katastrophe der fleischlichen Liebe

Charles Haiku

Die Liebe!
Dieses ewige Schlachtfeld,
auf dem Männer heldenhaft in die Bresche springen
und Frauen mit einem einzigen Satz
ganze Armeen in die Flucht schlagen.

Kaum hat man als tapferer Krieger der Zunge
den feindlichen Vorhof gestürmt –
zack! –
wird man am Schopf gepackt,
als hätte man gerade versucht,
mit einer Rohrzange zärtlich zu sein.

„Du mieser Lover!“
hallt es durchs Schlafzimmer,
während man noch den Geschmack
von Parfüm, Schweiß und Enttäuschung auf der Zunge hat.

Mieser Lover?
Ich?
Der Mann, der sich eben noch wie ein moderner Ritter fühlte,
der die Burgmauer mit der Zunge schleift?

In Sekundenbruchteilen
verwandelt sich der stolze Recke
in einen geschassten Schuljungen,
der mit hängendem Schwanz und tropfender Nase
aus dem Klassenzimmer rennt.

Natürlich könnte man bleiben, diskutieren, sich verteidigen.
„Aber Schatz, ich war doch erst bei der Vorspeise!“
Oder: „Vielleicht lag’s an der Beleuchtung?“
Oder – ganz verzweifelt – die Wahrheit:
„Ich hab im Internet gelesen,
dass man da dreimal im Kreis lecken muss, wie beim Eis!“

Doch nein.
Ehrgefühl siegt.

Man rafft die Klamotten zusammen,
stolpert über den eigenen Gürtel,
der sich plötzlich wie eine Würgeschlange anfühlt,
und verlässt die Wohnung
mit der Würde eines nassen Pudels.

Tür zu, Schlüssel klack,
und schon steht man auf der Straße –
nackt im Herzen,
aber wenigstens angezogen.

Später, beim Bier mit Kumpels,
wird die Geschichte zur Heldensage.
„Die war eh frigide“, lügt man heldenhaft.
„Hat mich rausgeschmissen, weil ich zu gut war.“

Die Freunde nicken verständnisvoll,
weil jeder schon mal
mit dem Kopf zwischen den Schenkeln einer Schönen lag,
die plötzlich zur Staatsanwältin mutierte.

In Wahrheit wissen wir alle:
Wir sind keine miesen Lover.
Wir sind einfach nur Opfer
eines uralten Missverständnisses.

Frauen wollen nämlich nicht geleckt werden –
sie wollen verehrt, verstanden, erraten werden.
Und zwar ohne Handbuch.
Mit Telepathie.
Am besten schon vor dem ersten Kuss.

Deshalb mein Rat an alle Leidensgenossen:
Nächstes Mal einfach liegen bleiben.
Kopf unters Kissen, Schnarchgeräusche machen
und hoffen, dass sie denkt,
man sei im Koma eingeschlafen.

Funktioniert nie,
aber klingt heldenhafter als „Ich geh dann mal“.

Oder man wird Buddhist.

Dann kann man sagen:
„Deine Möse ist Leid.
Meine Zunge ist Leid.
Alles ist Leid.“

Und verschwindet würdevoll in den Sonnenuntergang –
barfuß, moralisch sauber
und mit dem festen Vorsatz,
nie wieder etwas anzufassen,
das zurückschimpfen kann.

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