Sehen

Kein Hoch, kein Tief

Luiz Goldberg

Die Erschöpfung hat sich
in uns eingenistet.
Woher sie einfach so kam,
kann ich nicht sagen.
Eingesickert, wie Staub
oder Wasser.
Plötzlich da,
aber ohne Überraschung.
Als hätte das Unterbewusstsein
es schon lange registriert
und das ICH darauf vorbereitet.

Man hasst nicht mehr richtig.
Man liebt nicht mehr richtig.
Und man regt sich
noch nicht einmal darüber auf.
Man könnte sich ja aufregen
über diese innere Leere,
über die Abwesenheit von Glut,
von Streit, von Hingabe.
Aber auch dazu reicht
die Energie nicht mehr.

Man sitzt da,
auf die andere Person neben sich,
und denkt: eigentlich müsste ich
jetzt etwas fühlen.
Und sieht in die Augen
des Partners und man weiß.
Ihm geht es genauso.
Und nicht nur das.
Die Zärtlichkeit ist verloren gegangen.
Von Sex wollen wir
erst gar nicht reden.
Und wenn dann bloße Mechanik.
Keine spontane Umarmung,
mit einem Lächeln auf den Lippen.
Kein Kuss auf die Stirn.
Außer an Weihnachten
und zum Geburtstag.

Da bekommt die Katze mehr Liebe.
Witzigerweise von uns beiden.
Als wäre der Kater ein Bindeglied
und wir geben ihm,
was wir uns beiden nicht mehr
zukommen lassen.
Vielleicht ist er der Kit,
der uns noch zusammenhält.
Ein Haustier als Scharnier,
als Klammer für die menschliche Unfähigkeit
zu einer erfüllten Partnerschaft.

Klingt jetzt sehr nach den weisen Worten
von Herr Dr. Paartherapeut.
Ihr Beziehungscoach für gestörte Paare,
bekannt aus dem Morgenmagazin
und von Youtube.
Tja, und wie weiter?
Wenn ich schon nicht weiß,
wie es kam,
wie kann ich dann wissen,
was ich, was wir ändern sollen?
Ich meine, sie hat auch einen Mund.
Einen Kopf.
Wo bleibt ihre Klage?
Hat sie sich arangiert?
Ist es ihr egal?
Oder vielleicht findet sie den Zustand
gar nicht schlecht.
Immerhin kein Stress.
Kein fertigmachen des anderen.
Nur Ruhe.

Also alles in allem also
eine mittelmäßige Beziehung.
Kein Hoch,
aber auch kein Tief.
Wahrscheinlich ist das mehr,
als andere haben.

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