Sehen

Kein Liebesgedicht

Mira Wald

Nie eines geschrieben,
bis jetzt keinen Grund, und noch immer nicht.
Deine Augen sind kein Anlaß,
im Gegenteil!
Ständig unruhig in deinem Blick,
getaucht in die Farben ihres Ausdrucks,
verängstigt durch das, was sie mir sind,
benommen auch im Taumel ihrer Stille,
so kann ich sie nur hassen, deine Augen!
Auch kein Anlaß wär’ dein Mund,
dein Wort,
welches mich auffrißt,
gefangen nimmt in seiner Wahrheit
und verzweifeln läßt in purer Klarheit.
So küsse ich dich nur,
weil sie so weich sind, deine Lippen,
und weil man eben küssen sollte.
Deine Hände fesseln mich,
ziehen mich in ihren Bann,
Vernunftsplatzangst!
Kein Weg, dem zu entkommen,
Sucht nach Berührung;
oh, wie ich Süchte hasse!
Dein tiefer Geist, so unerreichbar fern,
in dem ich so gern tauche,
aber nicht ertrinken will,
(ein schöner Tod, im Geist zu sterben!)
Und alles was du tust
engt mich im Denken ein,
denn du raubst jeden Funken meiner selbst.
Die Bewegung deines Körpers
zwingt mich,
ihr zu folgen,
mitzugehen jeden Schritt,
jeden Schwung wie meinen zu empfinden...
Kein Anlaß also für Liebeslyrik,
wie ich dich hasse,
dich und deine Macht,
wie ich sie verdamme, verabscheue
und mich so gern doch in ihr wiege!
Noch nie eines geschrieben
und auch heute nicht,
wieder kein Liebesgedicht!

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