Sehen
kleines Schiff im Hafen
kleines schiff,
du liegst im hafen der schenkel,
zwischen zwei ruhigen ufern aus haut,
das licht ist schon fast aus,
nur ein letzter schimmer streift dich,
ein kaum sichtbares boot,
aus nerv und fleisch und schweigendem blut,
so klein,
dass man es fast vergisst,
fast,
als wäre es nie da gewesen.
ein tropfen bildet sich,
langsam,
wie ein satz, der sich selbst nicht traut,
zittert an der kante,
hält die luft an,
wie ein kind, das den namen der nacht noch nicht kennt,
wie ein versprech, das noch keinen mund gefunden hat,
wie ein meer, das noch keinen namen trägt.
und doch
trägt dich schon die ganze reise in dir,
die wellen, die noch keine wellen sind,
der wind, der noch kein wind ist,
die häfen, die noch keine häfen sind,
tief,
heiß,
ohne rückfahrkarte,
ohne morgen,
ohne gnade.
du kleiner klitoris-kahn,
du winziger kutter aus zartem fleisch,
du fingerbreite fregatte aus purer sehnsucht,
du zungengaleone,
du ahnst die flut,
die nicht fragt,
die einfach kommt,
dich packt,
dich schleudert,
ins offene,
ins stöhnende,
ins salzige,
ins endlos nasse.
dann
wirst du schiff,
wirst du pirat,
wirst du schwarze flagge aus nackter lust,
die kanonen sind dein herz,
das deck bebt unter bloßen füßen,
die takelage singt ein lied ohne worte,
die segel reißen sich selbst vom mast,
die nacht ist ein becken ohne boden,
die sterne hängen so tief,
dass man sie berühren könnte,
dass sie geil sind auf das, was jetzt geschieht.
leg ab.
leg ab,
bevor das licht ganz erlischt,
bevor der hafen wieder nur hafen ist,
bevor die schenkel sich schließen wie tore,
bevor der tropfen fällt und nichts mehr verspricht.
die see wartet nicht,
sie ist schon da,
sie ist in dir,
sie ist zwischen dir,
sie ist das, was atmet,
was bebt,
was sich aufbäumt,
was sich ergießt,
was schreit ohne stimme.
und wenn die flut dich nimmt,
wirst du nicht mehr klein sein,
wirst du nicht mehr warten,
wirst du nicht mehr tropfen,
sondern ozean,
sondern sturm,
sondern schiffbruch und anlandung zugleich,
sondern alles,
was nie einen namen hatte.
und morgen
liegst du wieder da,
harmlos,
fast unsichtbar,
ein klumpen im trockendock der alltagsruhe,
als wäre nichts gewesen,
als hätte das meer nie existiert,
als hätte der sturm nur geträumt,
als hätte die nacht nie geschrien.
niemand wird es sehen,
niemand wird es wissen,
nur du,
kleines schiff,
weißt,
dass du schon einmal draußen warst,
dass du schon einmal pirat warst,
dass du schon einmal die schwarze flagge gehisst hast
über einem meer aus lautem fleisch.
ahoi.
ahoi.
ahoi.