Sehen
Kleon
Ich bin Kleon und Bauer, Kämpfer und singender Dichter. Ich habe schon immer gerne Texte auswendig gelernt, wenn ich das Feld mit dem Pflug umgrub, eine langweilige Arbeit, die ich nur ertrug, wenn ich meinen Geist dabei ein bisschen schulen konnte. Diese Fähigkeit hat mir ja oft die Möglichkeit eröffnet, an Familienfeiern teilzunehmen, auch im Schloss bei den hohen Herren eingeladen zu werden und die Stücke vorzutragen, meist Geschichten über unsere Helden, über die Götter. Und alle haben mir gelauscht, mich beklatscht. Ein paar Gold- oder Silbermünzen sprangen auch dabei heraus. Manchmal kam einer vorbei und bestellte ein Lied über sich und seine Taten, und dann schrieb ich es und trug es ihm vor, und er war begeistert. Hoffte, dass er so ein bisschen unsterblich wird. Und dann hieß es, wir müssen nach Troja. Ich bin mitgefahren, diesmal nicht als Bauer, sondern als Kämpfer und als Sänger, als Chronist. Nach der Schlacht, an der ich mich natürlich auch beteiligte, habe ich geholfen, die Verwundeten zu versorgen und dann am Lagerfeuer abends die Erlebnisse in Verse geformt. Irgendwann gingen mir die Verse aus, weil alles eine stetige Wiederholung war. Aufstehen, vor Troja kämpfen, zurückgehen und das Tag für Tag. Aber ich war wie ein lebender Kalender. Ich habe mir die Namen derer gemerkt, die gestorben sind. Ich habe mir die Gesichter eingeprägt, um sie beschreiben zu können. Und dann und wann habe ich darauf geachtet, dass meine Gesänge von anderen gelernt wurden, damit sie nicht vernichtet sind, falls mich der Tod ereilt. Je mehr Menschen meine Lieder fehlerfrei wiederholen können, desto tiefer ist es in unserer Gesellschaft verankert. Auf das die Ereignisse weitergegeben werden können für die Generationen nach uns, dass sie daraus lernen können, was hier geschah. Die Heldentaten, die wundersamen Ereignisse, der Verrat, der Spott, der Tod, die List und der letztendliche Sieg. Auch mich hat es dann ereilt. Auch ich stieg dann in den Hades hinab, bevor ich die Heimat wieder erreichte. Aber ich kann froh sein, denn genug andere Krieger haben meine Gesänge gelernt und sind damit nach Hause gekommen.