Sehen
Kunst-Nebel
In der Galerie hing ein Gemälde,
das wie ein trüber Himmel aussah,
mit einem undefinierbaren Fleck
in der Mitte.
Der Raum summte von Stimmen,
Plastikbecher klackerten aneinander,
und rote Weinreste klebten
an Fingern.
Fünf Besucher drängten sich davor,
jeder mit seinem eigenen Blick.
Der Galerist, ein Mann
mit scharfem Anzug
und glänzender Stirn,
räusperte sich.
„Dieses Werk zerlegt
die Illusion des Ichs
in Fragmente.
Es ist eine Metapher
für die Zerstreuung
in unserer digitalen Ära.“
Er nippte am Wein,
als hätte er gerade
die Welt erklärt.
Die anderen nickten,
Augenbrauen hochgezogen.
Neben ihm stand die Kritikerin,
Notizblock in der Hand,
Brille auf der Nasenspitze.
„Genau“, sagte sie.
„Es ist eine radikale Kritik
am Konsumismus.
Der Fleck symbolisiert
den blutigen Preis des Fortschritts,
verschmiert in der Grauzone
der Umweltkatastrophe.“
Sie notierte etwas,
zufrieden mit ihrer Formulierung.
Der Sammler, ein älterer Herr
mit teurem Mantel,
murmelte: „Beeindruckend.
Das könnte sich lohnen.“
In seinem Kopf rechnete er bereits
mit Auktionspreisen,
sah Dollarzeichen in dem Grau tanzen.
Die Studentin, jung und unsicher,
kaute an ihrer Lippe.
Sie verstand nichts,
aber Schweigen fühlte sich
wie Versagen an.
„Es geht um die Leere“,
flüsterte sie.
„Die Abwesenheit von Form
als Kommentar zur Sinnlosigkeit
des Alltags.“
Ihre Wangen röteten sich;
sie hoffte, es klang klug genug.
Der Hausmeister, der im Hintergrund
Flaschen einsammelte,
schnaubte leise.
Für ihn war es einfach:
Farbe, die jemand verschmiert hatte.
Kein Mysterium,
nur ein Job.
Der Abend zog sich hin.
Die Deutungen wurden wilder,
ein Wettstreit aus Worten.
„Es ist existentialistisch!“ –
„Nein, postkolonial!“ –
„Eine Hommage an die Quantenphysik!“
Jeder baute Türme
aus Interpretationen,
aus Angst, der Erste zu sein,
der zugab: Ich sehe nichts.
Der Künstler stand daneben,
lächelte schweigend,
ein Glas in der Hand.
Er wusste, dass Stille
wie Weisheit wirkte.
Spät in der Nacht
leerte sich der Raum.
Der Galerist zählte Verkaufspunkte,
rote Kleber unter den Rahmen.
Die Gäste gingen,
Köpfe voller Theorien.
Der Künstler blieb allein,
starrte auf sein Werk.
Er lachte leise
in sich hinein.
Es war ein Missgeschick gewesen –
ein umgefallener Eimer im Atelier,
schnell gerahmt.
Aber das würde er nie verraten.
Der Nebel hielt den Zauber
am Leben.