Sehen
Küss die Angst
In einer Stadt,
die gestern noch bunt war
und morgen schon nur noch grau sein wird,
steht der Graue im Uniformrock an der Ecke.
Er hat kein Gesicht,
nur eine Nummer auf der Brust
und einen Blick,
der dich katalogisiert,
bevor du überhaupt blinzelst.
Er ist weder jung noch alt,
weder dick noch dünn;
er ist das Maß aller Dinge geworden.
Freund oder Feind?
Die Frage ist überflüssig.
Er ist das System selbst,
und das System fragt nicht nach Sympathie.
Du kennst ihn schon.
Du hast ihn gewählt,
mitgewählt,
weggeschaut, als er gewählt wurde.
Du hast applaudiert,
als er versprach,
Ordnung zu schaffen
in einer Welt,
die zu laut, zu chaotisch, zu frei geworden war.
Jetzt steht er da,
und seine Stiefel klingen auf dem Pflaster
wie ein Herzschlag,
den niemand mehr stoppen kann.
Jeder Schritt ein Gesetz,
jeder Blick eine Akte.
Dein Nachbar grüßt ihn heute noch zackig,
morgen vielleicht schon devot,
übermorgen gar nicht mehr –
weil er dann weg ist.
Verschwunden in einem der neuen „Erziehungszentren“,
die gestern noch Asylheime hießen.
Die Angst ist kein Gast mehr,
sie ist eingezogen.
Sie schläft nicht mehr neben dir,
sie sitzt in dir.
Du spürst sie beim Einkaufen,
wenn der Graue neben dir an der Kasse steht
und dein Brot länger betrachtet als nötig.
Du spürst sie,
wenn du abends die Gardine einen Spalt öffnest
und siehst,
wie zwei von ihnen jemanden abführen –
jemand, der gestern noch Witze über sie machte.
Du spürst sie,
wenn dein Kind fragt:
„Papa, warum müssen wir jetzt immer flüstern?“
Und du antwortest nicht.
Weil es keine Antwort gibt,
die nicht gefährlich wäre.
Der Graue im Uniformrock
ist dein Schicksal,
weil du ihn zugelassen hast.
Weil du dachtest,
Freiheit sei anstrengend
und Sicherheit ein fairer Tausch.
Weil du die kleinen Schritte nicht bemerkt hast:
erst das Verbot hier,
dann die Meldepflicht da,
dann die Kamera,
dann die Liste,
dann der Schlagstock,
der plötzlich legal ist.
Weil du dachtest:
„Mich trifft es schon nicht.“
Bis er vor deiner Tür steht.
Nicht um zu fragen.
Sondern um zu holen.
Gewöhn dich an die Angst.
Sie ist das neue Normal.
Sie ist der Preis für die Ordnung, die du wolltest.
Der Graue im Uniformrock
ist nicht dein Henker –
noch nicht.
Aber er ist der Mann,
der entscheidet,
wann „noch nicht“ zu „jetzt“ wird.
Und wenn du nachts wach liegst
und die Stiefel auf der Straße hörst,
dann weißt du:
Morgen ist schon heute.
Und der Graue trägt deine Farbe.