Sehen

Leichenschmaus

Luiz Goldberg

Der Raum roch nach
abgestandenem Kaffee und
falschem Trost.
Um den langen Tisch
saßen sie, die Erben,
mit Tellern voller
kalter Wurst und Brot,
das niemand wirklich aß.
Der Verstorbene lag noch
frisch in seiner Kiste,
doch schon drehten sich
die Köpfe: Wer hatte
ihn am meisten geliebt?
Wer verdiente am meisten?

Die Älteste, mit ihrem
strengen Dutt, nippte
am Wein und ließ fallen:
„Er hat mir immer gesagt,
ich sei sein Fels.
Ohne mich hätte er
nie durchgehalten.“
Ihr Blick schweifte zu
dem Bruder gegenüber,
der nickte, aber innerlich
kochte er.
Fels? Du warst der
Stein in seinem Schuh.
Wenn ich nur wüsste,
wo du deine Pillen lagerst
– ein Tausch, und du
fliegst aus dem Rennen.

Der Jüngste, der Neffe
mit dem schmierigen Grinsen,
stocherte in seinem Salat.
„Wir haben stundenlang geredet,
über alles. Er hat mir
das Auto versprochen.“
In seinem Kopf malte er
Szenen: Der Onkel, der
ihm die Schlüssel drückt,
während die Tante stolpert
– nur ein kleiner Schubs
die Treppe runter, nichts Dramatisches.
Er lächelte in die Runde,
als der Cousin hustete.
Dein Asthma, alter Freund.
Ein falscher Inhalator, und
ich bin der Nächste.

Die Mittlere, die Schwester
mit den roten Wangen vom
zu viel Puder, flüsterte:
„Jeden Freitag habe ich ihm
Suppe gebracht. Er liebte
meine Rezepte.“
Doch in ihrem Sinn brodelte Gift:
Deine Frau da drüben,
mit ihrem perfekten Lächeln.
Ein anonymer Brief ans Finanzamt
über ihre Schwarzjobs, und sie
ist ruiniert.
Dann sieh mal, wer lacht.

Der Schwager, am Kopfende,
räusperte sich.
„Er hat mir vertraut,
mit den Finanzen. Das Konto
war sein Vermächtnis an mich.“
Seine Gedanken rasten: Die Nichte,
diese Klatschtante.
Wenn ich nur ihre Affäre ausplaudere
– vor allen.
Sie bricht zusammen, und ich
räume ab.
Er goss sich nach,
prostete zu, aber seine Faust
ballte sich unter dem Tisch.

Die Enkelin, still in der Ecke,
kaute auf ihrer Lippe.
„Großvater hat mir Geschichten erzählt,
nur mir.“
Innerlich plante sie: Der Vetter,
der Angeber.
Sein Auto, die Bremsen
– ein kleiner Schnitt, und er
dreht sich um einen Baum.
Unfall, Pech gehabt.

Zwischen Bissen und Beileidsfloskeln
wuchs der Hass.
Jeder maß den anderen:
Zu schwach, zu gierig, zu falsch.
Pläne keimten auf wie Unkraut
– ein vergifteter Kuchen,
ein gefälschtes Testament,
ein nächtlicher Einbruch.
Alles blieb im Kopf, harmlos,
solange nicht gehandelt.
Als der Kaffee kam,
standen sie auf.
Umarmungen, falsche Küsse.
„Wir melden uns.“ – „Ja, bald.“
Jeder ging mit einem Lächeln,
das Messer im Ärmel.
Der Sarg war kalt,
das Spiel begann.

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