Sehen

Letzten Mittwoch, am ersten Aprilfrühlingstag

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Nicole ist schon echt schräg zu nennen.
Wenn man sich dafür entschieden hat,
als Frau seinen Körper zu Markte zu tragen
und der Prostitution nachzugehen
– wie es so unschön heißt –,
dann muß Frau schon ganz schön stark sein.

Und das ist Nicole in hohem Maße.
Sie weiß genau was sie will –
und ebenso genau, was sie nicht will.

Wir kennen sie, wie sie sich immer wieder dreist
zu anderen Schwalben
an der Bordsteinkante dazustellt –
ungefragt und unangemeldet.

Das ging bisher in den meisten Fällen
halbwegs gut,
obschon sie sich die Zornesblicke
und -Sprüche der anderen Damen
gefallen lassen mußte,
aber das lief stets an ihr herunter
wie Schweißtropfen an fettiger Haut.

Doch neben ihrem fragwürdigen „Broterwerb“,
ist Nicole eine Privatperson
wie jede andere auch.
Nur daß sie auch hierbei
gewisse spezielle Vorlieben hat.

So manche von Euch werden sich vielleicht fragen,
wie steht es eigentlich
mit Nicoles eigener Sexualität?
Hat sie da überhaupt – noch – Spaß daran?

Die Antwort ist: aber selbstverständlich!

Nicole ist eine kreative Person –
eine wahre Künstlerin.
Des Lebens.

Ihr Sex ist so ungewöhnlich
wie sie selbst.

Nun denn, ihre „Spezialität“ dabei ist –
Sex an ungewöhnlichen Orten zu haben.

Das bringt ihr den nötigen Kick –,
den „Thrill“ wie sie so schön sagt –
und den sie braucht, dabei.

Denn sonst sei es allzu fad.

Ihre Partner sucht sie sich dazu belanglos
und eher dem Zufall überlassen, aus.

Mal sind es irgendwelche Typen von der Straße,
mal geht sie einfach in ein Geschäft
und quatscht einen Chef,
einen Mitarbeiter,
oder Gehilfen an,

mal geht sie in eine Rechtsanwalts-
oder Notars-Kanzlei
und fragt den Anwalt
oder den Notar diskret,
aber unverblümt,
ob er mit ihr kostenlosen Sex haben möchte.

Und meist klappt das dann auch.

Nicole ist ja eine attraktive Erscheinung.
Ihr müßtet sie mal sehen,
wenn sie mit ihrem Outfit,
mit ihrer Figur,
mit ihrer Stimme,
mit ihrer Art mit Männern zu reden,
in Aktion tritt.

Wenn dann ein Mann „nein danke“ zu ihr sagt,
hat er sie nicht mehr alle.

– Heute hat sie wieder mal einen kuriosen Einfall.

Sie geht, wie so oft,
die Bahnhofstraße entlang.

An der Polizeiwache muß sie kurz stehen bleiben,
weil sie sich eine Zigarette anstecken will.

Dabei schaut sie sich das Polizeigebäude
wie verträumt an
und geht dann schnurstracks darauf zu,
drückt den Eingangsschalter
und wirft dabei die gerade erst angesteckte Zigarette
auf die Straße.

Der Vorraum des Polizeipräsidiums
ist mit zwei uniformierten Beamten besetzt
und der mit den vier Sternen
auf den Schulterklappen
steht auf
und fragt Nicole nach ihrem Begehr.

„Ich will Anzeige erstatten, Herr Kommissar.“

Der Polizist erklärt ihr,
er sei noch kein Kommissar,
und sie möge bitte zur Sache kommen.

„Ich bin eine vom Gewerbe,
das sehen Sie doch wohl, oder?
Und das, was ich anzeigen will,
kann ich hier nicht vor zwei Männern tun,
es ist allzu intim.

Ich bitte einen von Ihnen,
mich auf die Toilette zu begleiten,
dann kann ich zeigen,
was bei der Anzeige wichtig ist.
Bitte!“

Die beiden Beamten schauen sich irritiert an,
aber gleich darauf sieht man,
daß sie sich nicht gleich darauf einigen können,
wer die Dame begleiten „muß“.

Schließlich setzt sich der mit den vier Sternen durch,
und erklärt sich bereit,
Nicole zur Damentoilette zu begleiten.

Kaum sind er und Nicole in der Örtlichkeit,
öffnet sie eine der Kabinen,
beugt sich runter zur Kloschüssel
und zieht ihren Rock über den Po.

Dann gibt sie dem Beamten die Order:

„Einen Moment, Herr Kommissar,
bitte schauen Sie.“

Und dann tut sie zweierlei:

sie zieht ihren Slip bis auf die Knöchel herunter
und reicht dem Polizisten
mit der linken Hand ein Kondom,
das sie längst schon in der Hand gehalten hatte,
und mit der weiteren Order:

„Ganz für umsonst, für Sie Herr Kommissar,
und danach dann erst das mit der Anzeige.
Bitte!“

Dabei bleibt sie in gebückter Stellung
und zieht ihre Arschbacken auseinander
und sagt:

„Aber flüstern Sie mir auch laut schweinische Worte ein,
Sie wissen schon – Nutte und so…“

– Was glaubt ihr wohl,
was der Polizeibeamte tut?

Ist er blöd?

Nee, ist er nicht.

Vor allem „für umsonst“…

Nach beiderseits befriedigender Verrichtung
zieht Nicole ihren Slip wieder hoch,
den Rock herunter,
und beim Umdrehen –
zum Polizisten hin,
sagt sie:

„So, jetzt zu der Anzeige:
Ich bin gerade von einem Polizeibeamten
sexuell mißbraucht worden!
Beweismaterial,
Audioaufzeichnung auf meinem Handy.“

Doch noch bevor der schwer geschockte Polizist
etwas erwidern kann,
kichert Nicole:

„April, April – nein, keine Anzeige,
war alles nur Spaß!
Oder hatten Sie nicht auch ihren Spaß?

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