Sehen
letzter Haltestellen-Blues
Der Schaffner mustert mich,
als wär ich ein wandelnder Müllbeutel mit Beinen.
Sein Blick sagt:
„Noch so einer,
der den letzten Bus verpasst hat,
weil er dachte,
drei Korn machen ihn unsterblich.“
Ich sitze vornübergebeugt,
Kopf zwischen den Knien,
und versuch die Welt davon abzuhalten,
sich weiterzudrehen.
Der Bus steht.
Endstation.
Irgendwo hinterm Mond,
wo selbst die Laternen Schnapsdunst atmen.
Ich bin zu weit gefahren.
Viel zu weit.
Nicht nur geografisch.
Die ganze Nacht war ein einziger Umweg ins Nirgendwo.
Kneipe um Kneipe,
Glas um Glas,
Frau um Frau.
Irgendwann hat eine mit Silberlack auf den Lippen gelacht
und gesagt:
„Kommste noch mit?“
Ich hab genickt,
weil Nicken einfacher war als Denken.
Jetzt bin ich froh,
dass ich’s nicht getan hab.
Wirklich froh.
Denn wenn ich jetzt neben mir eine schnarchende Fremde hätte,
die mir morgens mit Katerstimme erklärt,
sie suche was Festes,
würde ich mich aus dem fahrenden Bus stürzen.
Auch wenn er steht.
Stattdessen kotz ich leise vor mich hin.
Auf den Boden,
zwischen die Sitzreihen.
Es klingt wie ein trauriges Saxophon,
das nie gelernt hat, richtig zu spielen.
Der Schaffner sagt nichts.
Der kennt das.
Der sieht jede Nacht Typen wie mich:
die Helden von gestern,
die heute nur noch Held der Kotztüte sind.
Ich taste nach meinem Portemonnaie.
Leer.
Natürlich.
Die letzte Runde ging auf mich.
„Für die Damen!“,
hab ich gebrüllt,
als wär ich Rockefeller mit Bierfahne.
Jetzt hab ich nicht mal mehr Geld
für ’ne Taxe.
Oder für ’ne neue Leber.
Draußen heult der Wind um die leere Haltestelle,
als wollte er mich verarschen:
„Na, Romeo?
Wo isse denn jetzt, deine große Liebe von halb drei?“
Ich lach.
Laut und scheppernd.
Weil’s nichts zu lachen gibt.
Weil ich wieder mal bewiesen hab,
dass ich der König der schlechten Entscheidungen bin.
Der Typ,
der immer dann „noch einen!“ ruft,
wenn er eigentlich schon längst „aufhören!“ hätte schreien müssen.
Der Typ,
der Frauen anbaggert,
die er nüchtern nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde,
und der hinterher heilfroh ist,
dass er’s nicht getan hat.
Die Scheinwerfer vom Bus gehen aus.
Dunkelheit.
Nur das grüne Notlicht flackert
wie ’ne billige Disco für Verlierer.
Ich lehne mich zurück,
schließe die Augen.
Irgendwo bellt ein Hund.
Oder lacht einer.
Egal.
Ich bleib hier sitzen.
Bis der erste Bus kommt.
Oder bis ich einschlaf und erfrier.
Beides klingt besser,
als nochmal irgendwo hinzufahren,
wo ich sowieso nicht ankomme.
Denn manchmal,
ganz selten,
ist die letzte Haltestelle
genau der Ort,
an dem man endlich mal ankommt.
Bei sich selbst.
Besoffen,
pleite,
einsam.
Aber wenigstens ohne fremde Frau,
die einem morgen erklärt,
man sei jetzt zusammen.
Ich kotz nochmal.
Leise.
Fast zärtlich.
Und bin froh.
So verdammt froh,
dass ich niemanden abgeschleppt hab.