Sehen

Liebeskampf & Liebeskrampf

Marcel von Reich-Witz

Heute möchte ich mich einmal
einem Gedicht widmen,
das sich dem Thema der Liebe
auf die Fahnen geschrieben hat –
eigentlich auch eher dem Kampf um die Liebe –,
und das ist nicht ganz unproblematisch,
wie wir gleich in der Betrachtung
dieser Zeilen sehen werden.

Beginnen wir aber mit den ersten beiden,
und da heißt es:
„Kämpf um ihr Herz,
denn sie hat es verdient."

Das ist sehr interessant.
Scheinbar ignoriert diese Frau
diesen Mann,
denn sonst müsste er nicht kämpfen –
er muss sich also sichtbar machen,
versuchen, ihr Herz zu gewinnen.

Das halte ich für sehr problematisch.
Denn wenn es nicht beidseitig ist –
wenn man einen anderen Menschen
in Liebesdingen überzeugen will –,
geht so etwas meistens schief.

Er ist also der Meinung,
dass sie es verdient hat,
dass er darum kämpft,
obwohl sie ihn vermutlich gar nicht erhört.

Nun gut. „Kämpf um ihr Herz,
denn du wirst es sonst bereuen."

Auch interessant. Er stellt also immer wieder den Kampf
an vorderste Stelle,
und er verfällt der Selbstsuggestion,
dass er es sonst bereuen wird.

Denn ich vermute, dass der Autor dieser Zeilen,
Gernot Schwarm,
damit sich selbst meint.

Er meint also nicht einen anderen Menschen,
sondern spricht im lyrischen Ich
von sich selbst.

Das heißt, er verarbeitet in diesem Gedicht
seinen persönlichen aktuellen Konflikt
mit dieser geliebten Person.

„Kämpfe um ihr Herz",
schreibt er weiter.
„Denn sie ist es,
die du suchst."

Das große Problem: Er sucht sie,
aber sucht sie ihn?

Das beantwortet er leider nicht.
Eigentlich ist er hier
sehr mit sich selbst beschäftigt
und weniger mit ihr.

Auch wenn er sie immer wieder
im Munde führt,
hat er doch eigentlich
sich selbst adressiert.

Er sucht also augenscheinlich
nach einer Person,
die ihm Seelenheil verspricht –
was ihn eigentlich selbst interessiert.

Denn das ist das Interessante:
Er spricht zum Schluss:
„Sonst hast du nichts im Leben,
wofür es sich zu leben lohnt."

Er sucht also das Wichtige
und die Essenz des Lebens
im Anderen
und nicht in sich.

Sie sehen also: Wenn wir deutsche Lyrik
und vor allen Dingen Liebeslyrik
einmal richtig analysieren,
stellen wir fest,
dass die Autoren doch so manche
psychologisch-logische Schwäche haben.

Diese ist dann in schlichten Zeilen versteckt,
und sie glauben,
sich der Liebe angenähert zu haben –
aber im Grunde genommen
liegen sie meilenweit daneben.

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