Sehen
Ludovica
Heute ist ihr Geburtstag
und ich werde sie gleich anrufen
und ihr gratulieren.
Ich würde gerne fragen,
was mit ihrem Liebhaber ist.
Ob er noch oder eher wieder
ihr Liebhaber ist.
Und was mit ihrem Mann ist.
Aber vermutlich werde ich nicht fragen,
denn sie würde die Situation
am Telefon schönen.
Etwas Wahres bekommt man aus ihr
nur live heraus.
Dabei spielt ihre Ausstrahlung
eine große Rolle.
Wir kamen in ihre Familie
durch unsere Kinder.
Diese hatten sich gefunden
und mein Nachwuchs erklärte mir überzeugend,
warum er sich in der neuen Familie
so wohl fühle.
Es sei eben eine Großfamilie,
man habe sehr viele Verwandte,
Cousins und Cousinen,
immer sei etwas los daheim,
und das sei einfach schön.
Wir dagegen, geschiedene Eltern,
nun verstreut übers Land,
ja, wir konnten das leider nicht bieten.
Ich kam gerne zu Besuch
in die heile Großfamilie,
ließ mir russisches Essen servieren
und lauschte der Kommunikation.
Bald schon allerdings nahm ich Dinge wahr,
die mir nicht so ganz heil erschienen.
Da war beispielsweise Oleg,
der Mann von Ludovicas Freundin.
Er verkehrte sehr häufig
in Ludovicas Familie.
Aber das war ja nur,
weil er so praktisch begabt
und so hilfsbereit war.
Großfamiliensitten eben.
So kam er etwa, um die Platten im Garten zu verlegen.
Ein andermal, um Einkäufe mit seinem Auto zu transportieren.
Dann wieder mähte er den Rasen.
Ein wirklich sehr guter Freund der Familie,
der sogar Ludovicas Ehemann
sehr viel abnahm.
Einmal, als wir gemütlich an ihrem Küchentisch saßen,
fragte ich:
Sag mal,
hast du was mit diesem Oleg?
Natürlich nicht.
Er sei nur eben so hilfsbereit
und packe gerne mit an.
Und eine gute Freundin verleiht ja auch gerne mal
ihren Mann an eine andere,
zum Rasenmähen und so.
Als ich ein andermal wieder
bei Ludovicas heiler Familie war,
saßen wir erneut am Küchentisch.
Ihr Mann lag nebenan im Wohnzimmer
auf der Couch
und schaute russisches Fernsehen.
Ich weiß nicht mehr,
wie es kam,
aber irgendwann machte Ludovica
ein Zeichen mit ihrem Zeigefinger.
Er deutete nach unten,
er hing quasi nach unten.
Ich musste lachen.
Okay, mit dem Mann lief also eher nichts mehr.
Dann kam die Hochzeit unserer Kinder.
Und Ludovica hatte einen Auftritt.
Sie sang für die Hochzeitsgesellschaft.
Sie trug ein rosa Kleid
aus mehreren Schichten.
Unter dem Rosa schimmerten
weiße Stofffahnen.
Alles war weich und changierend.
Ihre Augen strahlten verliebt
und ich sah Oleg und seine Frau
unter den Gästen.
Sie braucht es noch,
war mir in diesem Moment klar.
Und wenn sie es noch nicht hat,
dann bald.
Ich war dann auch nicht überrascht,
als sie gemeinsam mit ihrer Tochter
aus dem ehelichen Haus auszog.
Am selben Tag, damit es nicht auffiel,
dass auch ihre Möbel abtransportiert wurden.
Der Weg war frei für Oleg,
die Freundschaft mit der besten Freundin beendet.
Nach ein paar Jahren saß ich
bei Ludovica in der neuen Wohnung.
Nein, Oleg war nicht eingezogen.
Er hatte sogar in all den Jahren
kein einziges Mal bei ihr übernachtet.
Die Schäferstündchen wurden auch immer kürzer.
Er kommt nur noch zum Essen,
sagte sie.
Und zog zurück zu ihrem Mann.