Sehen
Manchmal fühle ich mich so traurig
Ich sehe sie vor mir.
Ich habe es
–
gerade jetzt… dieses
–
die Sehnsucht nach dem Gestern.
Mit ihr.
Die Wehmut der vertrauten Handlungen
–
mit ihr.
Tut mir weh.
Die Wehmut tut weh.
Das Heimweh nach damals.
Mit ihr.
Die Gegenwart mit ihr,
die zur Vergangenheit geworden ist.
Ich sehe ihre Sommersprossen auf ihrer Nase,
wie sie sich weiter auf ihren
Wangen ein wenig verteilen.
Ich sehe auch Sommersprossen auf ihren
weißen Schultern
und auf ihren Oberarmen.
Ich habe den Stolz.
In mir.
Ich will ihn austreiben,
weil er mir wie Arroganz vorkommt.
Ich kann keinem gegenüber zugeben,
daß ich den Wehmut-Blues habe.
Den Weltschmerz der verlorenen Liebe.
Sie hat ihre kleinen Brüste anfangs
vor mir verborgen gehalten.
Nicht weil sie sich geschämt hatte
–
nein,
es war ihr einfach unangenehm.
Sie sagte,
es sind doch immerhin sekundäre Geschlechtsmerkmale.
Dann haben wir beide langanhaltend darüber gelacht.
Später,
als ihre Schamlosigkeit begann,
habe ich sie hin
und wieder mal darauf angesprochen.
Sie fand das nur noch witzig.
Ich habe Illusionen mit ihr gehabt.
Illusionen von einem Leben mit ihr.
Einem Liebesleben,
bei dem wir Hand in Hand
als Gefährten uns durch
die raue Welt behaupten.
Diese Illusion ist verloren gegangen.
Von dem Tag an,
an dem sie gesagt hat,
es ginge nicht mehr mit uns.
Sie sei unserem Alltag überdrüssig.
Sie spüre ein Überdruß
der nur heilbar ist,
wenn man ausbricht.
Ja,
aus dem Alltag.
Aber was genau…?
Sie wollte auch nichts mehr erklären,
sie wollte einfach nur gehen.
Dann ist sie gegangen.
Hätte ich sie aufhalten sollen?
Habe ich eine Heroisierung ihrer Person betrieben?
Habe ich einen inneren Altar für
sie aufgebaut,
worauf ich täglich imaginäre Kerzen aufgestellt
und angezündet habe.
Und sie angebetet?
War es
die Anbetung
die sie vertrieben hat?
Verspüre ich jetzt eine Art Todessehnsucht?
Ist das der Beginn der destruktiven Ekstase?
Ich sehe sie,
wie sie sich gerade auszieht
–
mit dem Rücken zu mir.
Wie ihre letzte Hülle,
ihr Slip
–
zu ihren Füßen fällt.
Dann schaue ich näher hin,
sehe ihren schönen Hintern.
Einen so schönen Hintern hat keine
zweite Frau.
Er ist wie ein Prototyp,
nach dem man eine Gußform anfertigen kann.
Habe ich Selbstmitleid?
Ich glaube nicht.
Ich bin einfach nur unendlich traurig.
Meine Eitelkeit ist
–
ja,
was ist sie…?
Gekränkt?
Gedemütigt?
Beschämt worden?
Oder ist sie jetzt dahin?
Und ich habe keine Eitelkeit mehr.
Ich spüre sie nicht.
Vielleicht sollte ich mal wieder übermütig sein,
verrückt spielen
und Dinge kaufen
die ich überhaupt nicht gebrauchen kann.
Oder falsche Knöpfe drücken,
bei Leuten die sich wichtig vorkommen.
Oder einfach nur still vor mich hinweinen.
Ja,
weinen.
Das habe ich schon lange nicht
mehr getan.
Wenn sie mich jetzt sehen würde,
würde sie zu mir aufschauen?
Oder auf mich herabsehen?
Vielleicht würde sie den Blick von
mir abwenden
und vorbeischauen.
Ich würde sie dennoch küssen wollen.