Sehen

Männliche Verblüffung

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Es hat mich mal eine Frau
auf ungewöhnliche Weise verblüfft.

Seltsam, wie eine Frau
einen Mann doch überraschen kann...

Meine Begegnung mit Line
war schon im Vorfeld
so vielversprechend,
so spannend.

Es war während eines Konzertes
in einem kleinen Club.

Dort spielten vier farbige Musiker Jazz.
Sie stammten aus New Orleans
und der Jazz war magisch.

Richtig free. Abgefahren.
So echt mein Ding.

Archie Shepp ist ja mein Ober-Favorit
was Jazz betrifft,
und die Jungs waren ganz in diese Richtung.

Ja und Line, die ich dort das erste Mal gesehen habe,
schaute ständig zu mir hin.

Ich dachte, was wird das…?
Will die was von mir?

Und tatsächlich, es war genauso!
Sie wollte mich.

Doch ich, solche Situationen gar nicht gewohnt,
blieb erstmal dumm,
schaute auf die Jazz-Band
und nur hin und wieder zu Line.

Dann lächelte sie mich schon an.

In der Pause kam sie einfach auf mich zu
und sagte, sie wolle mich kennenlernen.

Ok, dachte ich, kenne ich noch gar nicht, sowas…

Ich sagte ihr natürlich zu
und nach dem Konzert
nahm sie mich an die Hand
und führte mich zu ihrem Auto.

Es war ein blauer alter Ford-Escort.

Sie wohnte etwa eine halbe Stunde weiter
südlich der Stadt
und es war schon dunkel,
als wir in ihre Wohnung traten.

Stil „alternativ“. Viele Pflanzen.
Und es roch intensiv nach Patschuli.

Und dann kam die Frage
die mich verwirrte:
„Wie findest du mich?“

Was sollte ich sagen,
Line war so gar nicht mein Typ –,
ihr Gesicht viel zu burschikos,
vor allem mit ihrem Kurzhaarschnitt,
mittelblond und ohne jegliche Schminke.

Also nichts an den Augen,
nichts an den Lippen –
einfach nichts.

Und dann noch T-Shirt,
Jeans und dreckig-weiße Leinenturnschuhe.

Das einzige was mir positiv auffiel,
war, daß Line unter ihrem T-Shirt kein BH trug,
und daß sie einen relativ großen Busen haben mußte,
und ihre Figur war wohl auch ok.

Zumal sie auch fast so groß war wie ich.

Ich sagte: „Ich finde dich sehr attraktiv, ja, wirklich.“

– „Attraktiv? Mehr nicht?“

– Ach je, was sollte das?
Was sollte ich hierauf sagen?

Ich sagte erstmal nichts.

Und sie: „Dann paß mal auf.“

Und somit zog sie ihr T-Shirt
überm Kopf aus
und warf es auf ihr Bett.

„Na?“

– Das war alles was sie sagte,
alles was sie sagen brauchte.

Denn mehr war nicht nötig.

Ich schaute wie ein kleines Kind
dem gerade der Weihnachtsbaum gezeigt wird,
ohne ein Wort rauszukriegen.

Ich schaute auf den schönsten Busen
den ich – bis zum heutigen Tag –
jemals gesehen hatte.

Nicht im Kino, nicht in Zeitschriften,
nicht in natura.

Dieser Busen war nicht zu toppen.

Ja, wie war der?

Relativ groß, prall.

Er stand förmlich, voll aufrecht,
und als wollte er zu mir hin.

Die Brustwarzen waren wie gemalt.

In einem zarten Rosaton,
und wie geglättet,
sie waren ganz weich,
wie ich wenig später erfahren durfte.

Und dann sagte ich:
„Wunderschön!“

Und das reichte auch.

Ich beugte mich herunter,
fragte noch:
„Darf ich?“

und als ihre Antwort „Natürlich“ war,
küßte ich diesen herrlichen Busen ausgiebig.

Wir zogen uns dann beide aus,
wobei ich feststellen mußte,
daß auch ihr übriger Körper vollendet schön war.

Den Rest unserer nächtlichen Betätigungen
muß an anderer Stelle detailreich beschrieben werden –;
ich mag nur noch meine Hauptverblüffung erwähnen:

Ich hätte bei einer Frau,
die so burschikos
und für meine Begriffe eher unscheinbar wirkte,
niemals so einen formvollendet schönen Busen erwartet.

Tja, typisch Mann?

Ich habe mein Frauenbild von da an gründlich revidiert,
und habe versucht möglichst alle bisherigen Klischeevorstellungen,
Vorurteile und festgefahrene Einstellungen abzusteifen
und offen zu sein
für alles was weiblich, männlich, menschlich daherkommt.

Ja, wer Line gesehen hat –
so gesehen hat…
der würde mir wahrscheinlich recht geben.

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