Sehen
Maria
Ich bin ein überflüssiger Mensch.
Maria.
Ja, wie die Jungfrau –
nur dass ich keine mehr bin.
Jedenfalls sehne ich mich zurück
zu dieser Jungfräulichkeit,
die ich nie richtig hatte,
weil sie mir genommen wurde,
bevor ich überhaupt wusste,
dass sie mir gehörte.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Vielleicht erzähle ich sie irgendwann.
Vielleicht auch nicht.
Ich bin überflüssig.
Das habe ich immer gespürt.
Immer hieß es:
Du nimmst anderen Platz weg.
Geh mir aus dem Weg.
Geh mir aus dem Licht.
Wenn Menschen Pflanzen wären,
wäre ich das Unkraut.
Das, was man ausreißt,
ohne nachzudenken,
weil es einfach da ist
und stört.
Unsichtbar zu werden
ist keine Kunst.
Man muss nur untertauchen.
Unter die Bettdecke.
In den Keller.
In eine Abstellkammer.
In eine dunkle Ecke.
Im Laufe der Zeit
fand ich noch mehr Möglichkeiten.
Man bemerkt mich einfach nicht.
Ich bin Luft.
Ein Schatten, der sich selbst nicht sieht.
Dass ich früher ein Mädchen war
und jetzt eine Frau,
habe ich erst spät begriffen.
Genau genommen an dem Tag,
als ich einen der Seeleute am Hafen ansprach,
um ihm meine Dienste anzubieten.
Er betrachtete mich verächtlich
von oben bis unten
und sagte nur:
„Ich will ein flottes Mädchen
und keine so ausgelatschte Frau wie dich!“
Von da an war mir klar:
Ich bin eine Frau.
Aber dass ich früher ein Mädchen war,
das musste ich erst noch lernen.
Durch Nachdenken.
Ja, ich habe wirklich nachgedacht.
Über mich.
Als der Seemann mich stehenließ,
dachte ich:
Ich habe mich doch schon immer –
schon sehr früh –
den Männern,
vor allem den Seeleuten am Hafen,
dienstbar gezeigt.
Habe alles, na ja – fast alles –
getan, was sie von mir verlangten.
Und da war ich doch noch sowas von jung.
Also musste ich damals
wohl ein Mädchen gewesen sein.
Oder?
Meine Überflüssigkeit
spüre ich jeden Tag.
Manchmal denke ich über das Wort nach.
Überflüssig.
Ausgehend von flüssig.
Wenn ich ein überflüssiger Mensch bin,
dann sind alle anderen Menschen flüssig?
Doch was bedeutet das?
Ich habe nichts gelernt.
Ich weiß nicht, warum ich auf der Welt bin.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ich weiß nicht, wo das Licht ist.
Ich lebe beständig im Dunkeln.
Weil ich mich unsichtbar mache.
Nur das mit dem dienstbar machen –
das verstehe ich zumindest noch weiterhin.
Ah… da kommt wieder einer…!