Sehen
mein ganz persönlicher Albtraum
Du musst dir vorstellen,
ich bin Mitte 30.
Es ist Nacht, es ist Berlin,
der Alkohol ruft,
die Vernunft geht in den Keller.
Warum in den Keller?
Nun,
dort ist eine Bar.
Also ich hinein in die Kellerbar.
Das Licht flackert,
defekte Neonherzen
hinterm Tresen flackern
und ein Bass flackert genauso leise,
aber hörbar,
wie ein ferner Herzschlag,
der mitunter Aussetzer hat.
So sieht es aus und ich lasse den Blick schweifen,
aha,
da hinten ist ein Plätzchen frei.
Ein kleiner Tisch mit einer Kerze.
Ich setze mich hin,
bestelle mir ein Gläschen Martini,
den roten,
den Wermut,
den vollmundig Bitteren.
Ein Hochgenuss, aber ohne Eis,
das verwässert nur.
Hoppala, am Tisch hier nebenan
sitzt eine junge Dame.
Blonde lange Haare,
die herunterfallen,
genauso wie die wallenden Gewänder.
Das Gesicht ist hübsch.
Sie lächelt mich an,
während sie mit jemand anderem spricht.
Der andere sitzt im Dunkeln
mit dem Rücken zu mir,
ich kann ihn nicht richtig erkennen,
ist mir auch egal,
denn sie lächelt mich an,
während sie mit ihm redet.
Sei wie es sei, man kommt irgendwann ins Gespräch.
Wie das so ist, ich gebe ihr einen aus,
sie lacht,
sie schnattert,
der Typ,
ich glaube ich war,
es war ein Typ,
ist vergessen,
abgehauen,
verduftet,
verzischt,
vergessen.
Wir lachen, wir scherzen
und irgendwann ist klar,
wie dieser Abend endet.
Wir gehen raus, wir spazieren die Straße lang,
zufälligerweise wohnt sie hier,
na guck mal einer an.
Ein bisschen Händchen halten,
ein bisschen küssen,
wir gehen nach oben zu ihr.
Sie macht die Wohnung auf,
wir stürmen rein,
wir stehen in ihrem Schlafzimmer.
Sie zieht sich aus,
das Kleid fällt herunter
und mir die Kinnlade.
Diese Dame ist fett
und nicht nur fett,
wenn das Fleisch denn wenigstens fest wäre,
nein,
es ist so wabblig,
teigig,
wenn meine Hand sich auf ihrem Körper abstützt
und ich die Hand wieder anhebe,
dann bleibt ein Abdruck
auf dem Körper.
Um Gottes Willen, was mache ich nur?
Sie geht an meiner Nudel
als gäbe es kein Morgen.
Um Gottes Willen, denke ich,
wie komme ich aus der Nummer raus?
Nun, ich habe keine Chance
und ich muss das machen,
was ich hasse,
einen Höflichkeitsfick.
Ich habe mich in meinem ganzen Leben
vor mir selbst noch nie so geekelt.
Und was ich mir nicht verzeihe ist,
dass ich tatsächlich eine Erektion bekommen habe.
Wie ich das geschafft habe,
weiß ich nicht.
Das habe ich in eine hinterste Ecke
meines Verstandes geschoben
und sorgsam abgeschlossen,
damit ich damit nie wieder konfrontiert werde.