Sehen

Melanie

Nico Schwarzer

Ich bin eine Hure, und ich bin stolz darauf. Ich finde es immer interessant, wenn selbsternannte Frauenrechtlerinnen mir absprechen wollen, dass ich mich bewusst für diese Tätigkeit entschieden habe. Sie wollen mich immer retten – und ich frage mich: Wovor eigentlich? Sie wollen, dass ich irgendwo bei Aldi an der Kasse sitze und mein Leben vergeude? Ich entscheide, wann und wie ich Sex habe, das lässt sich alles regeln. Es ist eine Frage der Einstellung.
Und diese selbsternannten Frauenrechtlerinnen haben meiner Meinung nach eigentlich nur ein Problem mit Sex. Sie finden es schlecht, schlimm, anstößig, wenn man das mit einem fremden Menschen treibt. Sich mit einem fremden Menschen zu unterhalten – kein Problem. Warum also soll es ein Problem sein, einen fremden Mann zu küssen? Warum soll es ein Problem sein, ihn zu umarmen? Nur wenn wir körperlich verklemmt denken, ist eine Umarmung etwas Schreckliches.
Es ist ein Mann mit schiefen Zähnen, der nicht aussieht wie Brad Pitt. Ist er deshalb so minderwertig, dass er nicht umarmt werden darf? So minderwertig, dass niemand seinen Schwanz lecken oder ihn streicheln darf? Ist ein Behinderter jemand, der kein Recht auf Sex hat? Das alles sind Fragen, die diese Frauen nicht beantworten wollen, weil es ihr Weltbild ins Wanken brächte.
Nein, sie brauchen einen Sinn im Leben, und dieser Sinn heißt: Ich schreibe anderen Frauen vor, wie sie zu leben haben. Weil es mich stört, dass sie auf eine Art leben, zu der ich mich selbst nicht traue. Denn diese verklemmten Persönchen haben in Wahrheit oft die verschärftesten Sexfantasien, die sie dann einfach auf andere Frauen projizieren und ins Gegenteil verkehren – damit sie damit klarkommen, dass ihnen selbst diese Form von Zuwendung fehlt.
Diese Frauen sind derart von Sex besessen, dass sie gar nicht mitbekommen, wie sehr sie es sind, die den Sex zur Ware machen, nicht ich. Ja, ich verlange Geld dafür, das ist klar. Aber ich muss ja auch von etwas leben. Von Luft und Liebe allein werde ich schließlich nicht satt. Ich habe kein Problem damit, ich halte es nicht für anstößig oder verwerflich. Das Ganze ist nur ein Mensch, der einem anderen für ein paar Sekunden eine Freude bereitet. Ist das in unserer Gesellschaft etwas Perverses? Das ist es, was ich pervers finde: diese Einstellung. Diese Lebensfeindlichkeit.
Aber Gott sei Dank leben wir noch in einem System, in dem ich mir – jedenfalls bislang – die Entscheidung nicht nehmen lasse, ob ich als Hure leben will oder nicht.

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