Sehen

Melkweg

Claudia Carl

In Amsterdam gab es für uns quasi nur einen Ort: Melkweg.
Dabei war die dort gezeigte Kultur
uninteressant für im Alter von Anfang 20.

Nur einmal sah ich dort einen Film,
und er rettete mich für eineinhalb Stunden
aus meinen Angstzuständen.
Ich lebte in der Filmhandlung,
es ging um lesbische Beziehungen,
und die restliche Welt war ausgeblendet.

Meine Freundin Karin hatte mich zu Hause abgeholt,
wo ich panisch im Bett lag
und niemand mich verstand.
„Nein, das habe ich noch nie gehabt“, sagte meine Mutter.
Eine große Enttäuschung.

Denn bis dahin hatte sie so vieles,
worunter ich litt,
„auch schon gehabt“
und mich damit getröstet.
Ich war mir dann sicher,
dass es wieder vorbeigeht.

Panikattacken aber waren ihr unbekannt,
umso schlimmer erschienen sie mir.
Ein völlig unbekanntes Terrain,
in dem ich alleine überleben musste.

Es war eine seltsame Angst.
Nicht vor einer bestimmten Sache,
sondern vor der Fremdheit der Welt.

Eine alte Schulfreundin besuchte mich am Bett,
auch sie war komplett ahnungslos,
hatte kein Verständnis für das,
was in mir vorging.

Draußen vor dem Fenster
hörte ich den kleinen Nachbarsjungen,
den ich doch seit seiner Geburt kannte und liebte
und gerne mit ihm spielte.
Er kam mir plötzlich vor wie ein Alien.

Nur Karin hatte eine Idee.
Sie sagte sowas wie
„die Lösung ist in dir,
du alleine kannst das schaffen“,
es klang für mich unglaublich.

Und ich müsse da raus,
aus dem alten Zuhause.
Wir gingen also zusammen auf Tour,
nach Amsterdam.

Wir standen an der Straße,
trampen war damals für uns völlig normal,
und ich kam mir vor wie ein Wesen aus Eis,
eingefroren in einem seltsamen Zustand.

Aber Karin tat mir gut.
Ihre Theorie,
die sie in Varianten wiederholte,
klang gut,
wenn ich auch nicht daran glauben konnte.

Wir erreichten die Stadt,
die uns vertraut schien,
obwohl sie fremd war.

Wir saßen im dunklen Kinosaal
und ich glaubte für die Dauer des Films,
Lesbischwerden wäre meine Rettung.

Im Melkweg interessierte uns vor allem der Gastronomiebereich.
Dort waren wir umgeben von Leuten,
die vermutlich auch mit ihrem Leben zu kämpfen hatten.
Das tat gut.

Und plötzlich saß da im Getümmel „Bäumchen“,
ein alter Freund aus unserem Nachbardort.
Er war zufällig auch in Amsterdam.
Ein gutes Omen.

Die Reise mit Karin war der Auftakt zur Heilung.
Aus dem Fremdfühlen herauszukommen.
Sich nicht mehr vorzukommen wie in einem Auto,
das nachts in die Dunkelheit fährt
und dessen Scheibe voller Schneeflocken ist.

So erklärte ich es meiner Therapeutin.

Ein andermal landete ich mit einer anderen Freundin in Amsterdam.
Wir waren drei Wochen lang durch Skandinavien getrampt.
Dort erlebten wir die nettesten Autofahrer,
kein einziger wurde anzüglich oder aufdringlich.

Wir hatten schon viel Mut.
So fuhren wir einmal getrennt mit zwei Lkw-Fahrern,
die gemeinsam unterwegs waren.
Eine mit dem einen,
eine mit dem anderen.
Beide waren einfach nur nett.

Doch dann kurz vor Amsterdam
nahm uns ein Spanier mit seinem Lieferwagen mit.
Seine Hand landete sofort auf meinem Knie,
er fackelte nicht lange und sagte:
„Ficken oder raus.“

Und das mit seiner Wampe und wirren Haaren.
Er hielt bremsenquietschend quasi mitten auf der Autobahn.
Wir kamen trotzdem wieder dort weg.

In Amsterdam hatten wir Zoff und trennten uns.
Die Freundin lief vor mir,
ich blieb irgendwo stehen
und ließ sie weggehen.

Die Stadt war trotzdem freundlich zu mir,
natürlich war mein erstes Ziel der Melkweg.
Dort fand ich auch eine Mitfahrgelegenheit nach Hause.

Ein andermal hatte ich in der Garderobe
des Melkweg fast einen Orgasmus.
Wir hatten zwei Typen im Schlepptau,
Marokkaner oder sowas,
die wir den ganzen Tag nicht loswurden.

Gegen Abend betraten wir den Melkweg,
dort schob mich der eine zwischen
die an den Haken hängenden Mäntel
und seine Hand wanderte
fordernd zwischen meine Beine.

Er machte das wirklich gut,
ich konnte nicht umhin,
richtig geil zu werden.
Es erschreckte mich,
in dieser Situation.

Bei einer Dienstreise nach Amsterdam
besuchte ich den dortigen Swingerclub
und lernte einen Einheimischen kennen,
der mich mit ins Rotlichtviertel nahm.

Dort war er bekannt
und wurde von den Nutten begrüßt.
Er brachte mich dann heil zurück zu meinem Hotel.

Sex hatten wir ja schon im Club ausgiebig gehabt.

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