Sehen
Milchmädchenrechnung
Gerlinde arbeitet schon lange auf der Alm.
Ihr Großvater hält dort Ziegen,
Schafe und einige Kühe.
Der Ertrag
der Milch sichert dem Witwer den Lebensunterhalt.
Dazu muß die junge Gerlinde,
die seit ihrem 3.
Lebensjahr Vollwaise ist,
ihrem Großvater zu Hilfe sein
und
die frische Milch täglich ins Tal herunterbringen,
ins naheliegende Dorf.
Da Gerlinde erst 17 Jahre alt ist
und ihr Großvater sie selbst im Lesen,
Schreiben und Rechnen unterrichtet,
und sie jenseits
der Alm nicht viel von
der Welt gesehen hat,
ist ihre Lebenserfahrung bisher sehr bescheiden geblieben.
Hier droben auf der Alm,
im Jahre 1926,
gibt es für Gerlinde wenig,
was sie für sich persönlich entdecken,
oder gar besitzen könnte.
Doch sie liebt
die Natur
und
die Tiere über alles.
Ihre größte Liebe gehört dem Großvater
und ihrer Lieblingsgeiß Alma.
Doch seit letzter Woche kam Engelbert
in ihr Leben.
Den hatte sie auf ihrem Weg
herunter zum Tal,
den sie täglich mit ihren beiden
vollen Milchkannen unternimmt,
getroffen
–;
und es hat sich herausgestellt,
daß es ein Besucher des Bauernhofes
der nahe zum Dorf liegt,
ist.
Engelbert ist 19 Jahre alt,
wohnt in
der Stadt Freiburg
und ist zu Gast bei seinen Großeltern,
die den größten Hof des Tales betreiben.
Als sie ihm vor sechs Tagen
auf ihrem Weg zum ersten Mal
begegnete,
erkannte sie sofort,
daß Engelbert nicht nur ein schmucker
schöner Junge ist,
sondern sich auch Schlag auf Fall
in ihn verliebt sah.
Engelbert seinerseits sah in Gerlinde ein
seltenes Exemplar eines jungen weiblichen Wesens
vom Lande.
Noch nie war er einem solchen derben
und kräftig gebauten jungen Mädchen ansichtig gewesen.
Gerlinde ist in der Tat ein stabiles,
kräftiges Mädel,
das in ihrem lockeren hellen Sommerkleid
ihre füllige Statur sehen läßt
–,
zudem geht sie,
wenn nicht gerade barfuß,
nur in ihren alten Holzschuhen.
Da sie darüber hinaus
aber ein wunderschönes Gesicht hat,
mit roten gesunden Wangen
und langen braunen Zöpfen,
verliebte sich Engelbert natürlich in Gerlinde.
Doch Engelbert ist schüchtern wie ein
aufgescheuchtes Rehkitz.
So nicht Gerlinde.
Sie sah Engelbert
und rechnete sich gleich etwas aus.
Sie stellte ihre beiden Milchkannen vor
ihn hin,
nannte ihm ihren Namen,
fragte nach seinem
und ob er nicht mal einen
Schluck frische Milch kosten wolle.
Oh ja,
das wollte Engelbert.
Und so nahm Gerlinde die Schöpfkelle,
die in ihrem Schürzenband steckte,
hervor,
tauchte sie in
die Milch
und balancierte
die Kelle zu Engelberts Mund.
Dabei zeigte sie sich so ungeschickt,
daß sie
die Milch durch ein zuvor geplantes
leichtes Stolpern,
über ihr Kleid verschüttete.
„Oh,
wenn das mein Großvater sieht!“
Und noch bevor Engelbert irgendetwas sagen konnte,
zog Gerlinde sich ihr Kleid überm Kopf,
stand nur noch in ihrem weißen
Wollschlüpfer vor ihm
und bat ihn,
das Kleid gleich da unten im
Bach auszuwaschen.
Engelbert stand wie in Flammen.
So etwas kann doch nicht vorkommen!
Aber gehorsam nahm er
das Kleid
und tat wie ihm Gerlinde geheißen.
Als er
das sorgsam ausgewaschene
und ausgewrungene Kleid ihr zurückbrachte,
lag sie schon wartend im Gras
und trug ihm auf,
das Kleid zum trocknen neben sie
zu legen.
Außerdem solle er sich ebenfalls neben
sie legen,
denn sie wolle sich bei ihm bedanken.
Ihr Dank gestaltete sich natürlich in
Form eines langen feuchten Kusses.
Engelbert schwebte auf einer weißen Wolke
am blauen Himmel.
Die Zeit verging,
das Kleid trocknete
und beim Abschied fragte sie ihn,
ob er sich morgen nicht auch
wieder hier einfinden wolle.
Oh ja,
auch das wollte Engelbert.
Und so treffen sich Gerlinde
und Engelbert seit sechs Tagen am
selben Platz,
legen sich ins Gras
und experimentieren mit ihren jungen Körpern.
Gerlinde war dann diejenige,
die die bäuerinnenschlaue Idee hatte,
heute das mit Engelbert zu probieren,
was
der Seppel aus dem Dorf ihr
mal vorgeschlagen hatte.
Doch den fand sie fies und unansehnlich.
Außerdem roch er immer nach Schweinemist.
Den Engelbert aber,
den mochte sie gern bei sich einlassen
–
doch zum Ende hin,
bevor es ihn überwältige
und er sich in ihr zu
ergießen drohe,
müsse er sich unbedingt abrupt aus
ihr zurückziehen.
Das würde sie ihm strengstens auftragen.
So ihre Rechnung.
Ob ihre Rechnung jedoch aufging,
ist nicht bekannt.