Sehen
Mit allen Wassern gewaschen
Auf der Firmenfeier
im schummrigen Saal
des Konferenzzentrums
trafen sich ihre Blicke
zum ersten Mal richtig.
Nina, mit ihrem
makellosen Business-Lächeln,
das wie polierter Marmor
glänzte, und Markus,
dessen Grinsen scharf
wie eine Rasierklinge war.
Beide nippten an
ihren Cocktails,
als ob sie Wasser tranken,
und wussten sofort:
Das ist kein Zufallstreffen.
Das ist der Anfang
eines Krieges.
Sie arbeiteten in
derselben Abteilung,
jagten denselben Posten –
den des Abteilungsleiters,
der mit Gehaltserhöhung
und Eckbüro lockte.
Nach außen waren sie
das Traumpaar der Kollegialität:
Sie lobte seine Präsentationen
in Meetings,
er schickte ihr
hilfreiche Links per Mail.
Aber jeder durchschaute
den anderen.
Nina erkannte in Markus'
Komplimenten die versteckten Sticheleien,
weil sie selbst solche Fallen baute.
Markus las in
ihren Vorschlägen die Sabotage,
da er genau wusste,
wie man Ideen untergrub,
ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Es begann subtil.
In einem Meeting
schlug Nina vor,
Markus' Projekt mit ihrem
zu verknüpfen –
ein Angebot, das wie Kooperation klang,
aber seine Zahlen verdünnen würde.
Er lächelte und konterte
mit einer Frage an den Chef:
"Nina, hast du die neuesten Marktanalysen
schon integriert?
Ich helfe gerne dabei."
Übersetzt: Deine Daten sind veraltet,
und ich mache dich lächerlich.
Sie notierten sich
jede Geste.
Nina analysierte seine Mails
auf versteckte CCs,
Markus ihre Pausenverhalten –
wann sie rauchte,
wann sie allein war.
Die Eskalation kam schleichend.
Nina ließ in einer Kaffeepause fallen,
dass Markus' letzter Bericht
"interessante Lücken" habe –
vor Zeugen, die tratschten.
Sein Ruf bekam Kratzer;
Kollegen flüsterten über Nachlässigkeit.
Doch Markus hatte vorgesorgt.
Er "vergaß" eine E-Mail-Weiterleitung,
die Ninas Budgetüberschreitung enthüllte –
ein Zufall, der keiner war.
Der Chef runzelte die Stirn
in der nächsten Besprechung.
Am Montagmorgen fand Nina
eine Kündigungsaufforderung
auf ihrem Tisch.
Markus hatte gewonnen,
sein Schreibtisch blieb.
Er lächelte in den Spiegel,
packte seine Sachen –
nein, warte.
Es war sein Schreibtisch,
der geräumt wurde.
Nina hatte in letzter Minute
ein Dokument "gefunden",
das seine Manipulationen bewies.
Sie lächelte nun,
doch tief drin wusste sie:
Der Nächste lauerte schon,
studierte ihre Tricks.
Das Spiel ging weiter.