Sehen

Mit meinem Atem flockt die Milch

Marcel von Reich-Witz

An mein geneigtes Publikum
erotischer Poetik.

Heute kommen wir mal
zu einer Autorin,
die in Deutschland
als Inbegriff
lyrischen Schaffens gilt,
an einen echten Hochkaräter:
Ingeborg Bachmann.

Und wir nehmen uns vor
den Text „Tage in Weiß".

Es ist kein kurzer Text,
es ist kein leichter Text.

Und die Erotik in diesem Text
steckt sehr filigran
in seinen Zeilen.

So sagt sie zum Beispiel:
„Mit meinem Atem vermengt
flockt die Milch."

Meint sie tatsächlich Milch?
Oder meint sie damit Milch
als ein Synonym
für eine gewisse männliche Flüssigkeit?

Es könnte so sein.

Und so früh schäumt sie
bereits leicht.

Und man fragt sich:
warum wird hier
in einem Gedicht
ein derartiges Bild eingeführt?

Es geht um den Begriff Unschuld.

Und Unschuld ist im erotischen Kontext
ein sehr wichtiger
und starker Begriff.

Und sie sagt: „Ich liebe bis zur Weißglut."

Auch hier wieder die Farbe Weiß.

Obwohl natürlich damit
an dieser Stelle
nicht ein gewisses männliches Ejakulat
gemeint ist,
sondern tatsächlich
ihre eigenen Gefühle.

Aber in diesem ganzen Elaborat
geht es an keiner Stelle einmal
direkt zur Sache.

Es ist immer ein versteckter Symbolismus,
der sich durch die Zeilen zieht
und der darin gipfelt,
dass sie immer wieder spricht:
„Erklär mir Liebe."

Liebe wird hier also
mit Erotik gleichgesetzt.

Das ist interessant,
denn das eine hat nichts automatisch
mit dem anderen zu tun,
auch wenn beide zusammen natürlich
eine Einheit ergeben,
die man sich wünscht.

Und es gipfelt in dem Punkt „Erklär mir Liebe"
– was ich nicht erklären kann.

Und das ist in der Tat
eine immer wieder gestellte Frage:

Was ist Liebe?

Warum kann ich sie nicht erklären,
wenn ich sie doch empfinde,
wenn ich sie doch fühle?

Wenn ich Gedichte darüber schreibe,
Zeile um Zeile.

Denn einerseits kann sie es
– sonst würden diese Zeilen
nicht entstehen.

Und andererseits kann sie es nicht
– auch aus dem Grund,
warum diese Zeilen entstehen.

Und so bleibt es das ewige Mysterium:

Liebe im erotischen Kontext.

Und es endet mit den Zeilen:
„Kein Schauer jagt ihn
und es schmerzt ihn nichts."

Mehr habe ich auch dazu
nichts hinzuzufügen.

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