Sehen

Money and Honey

Claudia Carl

Don’t get your honey
where you get your money.

Was ist mit mir los?
Warum bin ich nie geil
auf einen Kollegen?

Es ist 10 Uhr morgens
und Konferenz.
Auch Meeting genannt.

In einem riesigen Oval,
das von Glas umgeben ist,
stehen ebenso angeordnete Tische.

Ihre Oberfläche glänzt.

Rundherum in zwei Reihen Stühle.

Dahinter zahlreiche Stehplätze
für Praktikanten
und Teilzeitkräfte.

Am Tisch in der Mitte
sitzen die beiden Chefs,
Nummer eins
und Stellvertreter.

Sie tragen Anzüge und Hemden,
die entweder sie
oder ihre Frauen
aus der Wäscherei geholt haben.

Die Krawatten sind makellos gebunden.

Die Jacketts offen.

Neben ihnen in einer gewissen Rangordnung
weitere wichtige Männer.

Die ein oder andere Frau,
in gedeckten Farben,
Kostüm.

Die Kleidungsstücke
aller Mitarbeiter
sind Schutzhüllen.

Vor Blicken, vor respektlosen Gedanken
der Kollegen.

Selbst Seidenstrümpfe
und High Heels
haben eine abweisende Aura.

Die Themen sind überaus wichtig.

Es geht um Geld, um Kundenkontakte,
um Projekte,
um neue Ideen.

Von Zeit zu Zeit kommt ein Gastreferent,
spricht über Trends
und Entwicklungen.

Alle Mitarbeiter rund um den Tisch
haben heute Morgen
frisch geduscht,

sich mit Rasierwasser
oder Parfüm veredelt,

saubere Kleidung aus dem Schrank geholt

und geputzte Schuhe angezogen.

Sie werden nach dem Meeting
in ihre Großraumbüros ausschwärmen,

sich an ihre Schreibtische setzen

und an ihren Projekten arbeiten.

Telefongespräche werden durch den Raum hallen.

Manche sprechen zu laut,

manche sind zu detailliert
in ihren Gesprächen,

so dass die Mithörer
die Augen rollen.

Kleine Grüppchen werden ab 12 Uhr mittags
in die Kantine gehen.

Dort werden sie weiterhin
über Projekte und Ideen sprechen,

manchmal auch über Personalangelegenheiten.

Ein paar trinken noch einen Kaffee
im Bistro.

Dann gehen sie zurück
in die dicke Luft
des klimatisierten Großraums.

Aus den oberen Stockwerken
kann man auf die Berge schauen.

Bei Föhn sind sie eine leuchtende Kulisse,

auf die die Mitarbeiter stolz sind.

Der Arbeitsplatz ist ein komplett neutraler Raum,

eine körperfreie Zone.

Aber plötzlich gehen Kollegin X
und Kollege Y
gemeinsam abends nach Hause.

Unverhofft haben Kollege A
und Kollegin B
denselben Nachnamen.

Und plötzlich sind der hübsche Schwarzhaarige
und die ältere Grauhaarige
ein Paar.

Die Zahl der Liebespaare
in unserer Firma
steigt wöchentlich.

Es entstehen die unglaublichsten Kombinationen.

Menschen heiraten, bei denen man sich nie vorgestellt hätte,

dass sie jemals Sex haben.

Der öde Langweiler tut sich mit der burschikosen Schreibkraft zusammen.

Der karrieregeile Anzugträger
ist auf einmal
mit der unscheinbaren Sekretärin liiert.

Was verpasse ich Tag für Tag?

Wo in unserem tristen Büroturm
spielt sich erotische Anziehungskraft ab?

Aber kaum gehe ich nach Feierabend
ins Pornokino,

finde ich eine Menge Männer geil.

Vor allem die in Businessanzügen.

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