Sehen
Morgendliche Lektion bei der Konsulin
Die Frau des Konsuls Wagenbach war eine extravagante,
extravornehme Dame,
die mich mit ausgesuchtester Konsul-Höflichkeit
in ihren Salon bat.
Ihr Gatte sei noch etwa ein bis zwei Stunden unterwegs,
und ich möge doch bitte unbedingt auf ihn warten,
er hätte mir wichtige Nachrichten aus meinem Heimatland zu berichten.
Mir war das sehr recht,
denn wieder zurück zu meinem Hotel zu fahren,
hätte mich den Rest des schönen Vormittags gekostet,
zudem dachte ich,
die schöne Konsulin wird mir bestimmt die Zeit angenehm gestalten.
Sie war etwa Mitte 40
und so elegant gekleidet,
wie ich es selten an einer Dame aus ihren Kreisen gesehen habe.
Alles hatte einen ausgewogenen Stil.
Doch ihre Vornehmheit stand in einem gewissen Widerspruch
zu ihrem konversatorischem Auftreten.
Sie sprach gerne heikle Themen an
die sie interessierten,
und fragte sich dabei niemals,
ob hier oder dort etwa ein Übertritt der Etikette passieren mochte.
Dies flüsterte mir einmal ein Firmenkollege zu,
der einigemal beim Konsul zum Essen geladen war.
Ich fühlte mich dieser Tatsache gegenüber einigermaßen gewappnet,
denn ich hielt einiges auf meine Schlagfertigkeit.
Konsulin Wagenbach ließ mir Tee reichen
und trank diesen ausgesuchten,
seltenen japanischen Tee mit mir,
und schwärmte von seiner Wirkung auf das Nervensystem.
Unsere zunächst harmlose Allerweltskonversation
verlief sich irgendwann auf das Thema Mann und Frau,
bis die Konsulin sie in Richtung erotische und sexuelle Begegnungen lenkte.
Dabei stellte sie mir eine Frage,
die ich zunächst nicht gut einordnen konnte
und mich durcheinander brachte:
„Stellen Sie sich Männer und Frauen als Gäste oder Gastgeber vor.
Was meinen Sie,
wer sind hierbei Gastgeber
und wer sind wohl die Gäste?“
Ich mußte wohl ein recht irritiertes Gesicht gemacht haben,
denn ohne auf eine Antwort zu warten,
fuhr die Konsulin fort:
„Ich für mein Teil,
sehe die Frauen – allgemein genommen – als Gastgeberinnen an,
und die Männer als Gäste.
Nicht allein, daß es keine weibliche Ausdrucksform von GAST gibt,
nein,
ich sehe den Mann grundsätzlich in der Rolle eines Gastes.
Aber warum? Ich versuche es mal anhand eines erotisch-sexuellen Beispiels zu veranschaulichen.
Die Frau, ob sie dabei eine Gastgeberin ist,
die privat einlädt,
oder aus gewerblichen Gründen,
sie versieht ihre Rolle als Gastgeberin doch in aller Regel pflichtgemäß,
oder?
Würden Sie dem beipflichten?“
Ich zog meine Lippen zusammen und nickte.
„So, und wie steht es mit den Pflichten des Gastes?
Des männlichen Gastes.
Ich meine, ein solcher Gast nimmt die Liebe,
oder das erotisch-sexuelle Abenteuer – je nach dem wie Sie es ansehen wollen –,
doch in aller Regel recht leicht,
oder?
Für ihn ist es ein Spiel,
ein Abenteuer,
eine Lustbefriedigung,
bei der er nicht viel einsetzt.
Und was erwartet der Gast von der Gastgeberin?
Wenn er ein rohes Stück Mann ist,
dann wird er sich wohl bedienen und bedienen lassen,
wie es seiner rohen Natur gemäß ist,
um sich dann nach befriedigter Verrichtung unelegant zurückzuziehen,
nicht wahr?
Wenn er aber ein höflicher,
anständiger Gast ist,
möchte er doch immerhin neben seiner Triebbefriedigung,
seine Persönlichkeit glänzen lassen,
beeindrucken
und dieses dann auf seine Gastgeberin einfließen lassen,
ja?
Doch wie steht es mit der Gastgeberin?
Was erwartet,
was verlangt die Gastgeberin?
Ich will es Ihnen sagen,
was sie erwartet.
Eine angemessene Form der Dankbarkeit.
Entsprechend dem, was sie dem Gast geboten
und für ihn getan hat.
Und jetzt gebe ich Ihnen dazu mal ein krasses Beispiel,
aber anhand dessen ist das besagte Verhältnis Gast und Gastgeberin,
wohl besser verständlich.
Stellen Sie sich folgende drei lebende Bilder der Gastgeberin vor,
die jeweils nackt vor ihrem Gast agiert:
Einmal, erhobenen Hauptes vor ihm kniend,
mit weit geöffnetem Mund,
Hände auf den Rücken gehalten.
Das andere Bild –, auf dem Rücken liegend,
mit weit gespreizten Schenkeln –,
und das dritte Bild –
sich umgedreht,
wieder kniend,
mit dem Kopf niedergebückt,
das Gesäß erhoben
und mit den Händen die Gesäßbacken auseinanderziehend.“
– Ich war sprachlos.
Ich stammelte etwas von gut angeführtem Beispiel
und von… sehr anschaulich,
und ja…,
ich hätte Ihrer Ansicht gut folgen können –
und so weiter und so weiter.
Aber meine Verwirrung verflog nicht so leicht.
Die Konsulin lächelte mich verständnisvoll an
und sagte,
mit Blick auf die Uhr –
und mit der Erwähnung,
daß ihr Mann ja gleich komme:
„Seien Sie doch bitte so nett
und kommen morgen früh nochmal zu mir,
und seien Sie dann noch einmal mein Gast.
Dann ist mein Mann nämlich den ganzen Tag dienstlich unterwegs
und kommt erst spät abends wieder nach Hause.“