Sehen

Nachtgastronomie

Claudia Carl

Es ist dieser Blick
des Barmannes,
der einem sagt,
dass man hier richtig ist.

Man könnte den Blick
vielleicht besorgt nennen,
aber das trifft es nicht ganz.

Denn der Mann macht sich keine Sorgen,
er hält die Dame
an der Theke
nur für gefährdet.

Er denkt, dass sie bald
zum Opfer werden wird.

Jucken tut ihn das nicht.

Für den Leichtsinn der Dame
hat er höchstens Verachtung übrig,
nach dem Motto
„Sie wird sich schon wundern,
wenn es so weit ist.“

Mit genau diesem Blick
stellt er ihr nachts
um 1 Uhr
einen Gin Tonic
auf den Tresen.

Es muss allerdings nicht
mitten in der Nacht sein,
damit er diesen Blick aufsetzt.

Genauso gefährdet kann einem Barmann
eine Dame erscheinen,
die am helllichten Tage
einen Gin Tonic ordert.

Er wiederholt dann in einem Ton,
in dem alle Abgründe
von Alkoholismus
und Schlampentum widerhallen:
„Gin Tonic also.“

Der Blick kann frau treffen
in einem Schnellrestaurant
im Münchner Bahnhofsviertel,
in einem kleinen Pizza-Italiener
in der Frankfurter Kaiserstraße
oder in einer Pinte
auf der Hamburger Reeperbahn,
je tiefer die Nacht,
desto eher.

Der Blick enthält dieselbe Botschaft
wie die Aussage
eines Mannes in Kalifornien,
mit dem ich vor 40 Jahren
per Anhalter
drei Kilometer gefahren bin
und der mich dann
an der Straße rausgelassen hat.

„Good luck, lady!“

Ihm war vollkommen klar,
dass mich das Hitchhiken
in Teufels Folterkeller bringen
und ich alles andere
als Glück haben würde.

Aber was ging ihn das an.

Es war eine Art fatale Erkenntnis,
dass ihm gerade
ein Opfer begegnet war.

Diese Lady würde ihren Leichtsinn
nicht überleben.

Ich nahm dann den nächsten Bus.

In der verkommenen Gastronomie
liebe ich
diesen Du-
bist -gefährdet-Blick. Ich liebe die Spannung,
die zwischen dem Barmann
und mir,
dem potentiellen Opfer,
entsteht.

Mir schmeckt der erste Schluck Alkohol
umso besser,
je verächtlicher
der Barmann schaut.

Der es seiner Gattin,
Schwester,
Tochter
nie erlauben würde,
an einer solchen Bar
Platz zu nehmen.

Allein.

Und Alkohol zu bestellen.

Um 1 Uhr nachts.

Oder um 15 Uhr.

Sein Blick ist mein Kick,
mein Blutdruck steigt angenehm,
ich schaue mich
in dem Laden um
nach Tätern,
deren Opfer ich werden könnte.

Der fiese Kerl dort
in Lederjacke
am Spielautomaten vielleicht.

Der vertrocknete Opa
am Einzeltisch
vor seinem Weißbier.

Der Jugendliche mit glasigen Augen.

Ich trinke meinen Gin Tonic
und spüre den Alkohol
in meinem Gehirn,
eine leichte Euphorie,
tausend Türen öffnen sich,
durch die ich gehen könnte.

Ich bin gefährdet.

Leicht benebelt gehe ich
in mein Hotel.

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