Sehen
Narkose
Es war ihr erstes Mal.
Erst gestern hatte ihre Ausbildungszeit als Krankenschwester sie in den Operationssaal geführt.
Sie hatte an ihrem ersten Tag dort die Kollegen kennengelernt.
Den netten Inder, der schon seit 24 Jahren in der kleinen Klinik in der Innenstadt beschäftigt war.
Er hatte kaffeebraune Haut
und das Weiß seiner Augen stach hervor.
Wenn sie ihn anschaute,
kamen ihr Bilder von heißen Stränden,
exotischen Essensständen auf vollen Straßen unter südlicher Sonne
und bettelnde Straßenkinder in den Sinn.
Doch wenn Xaver, wie er sich nannte,
den Mund aufmachte,
musste Janine lachen.
Er sprach ein derberes Bayerisch
als sie jemals in München gehört hatte.
Wie sie später erfahren hatte,
hatte er die ersten zehn Jahre in Deutschland
in einem Dorf nahe Bad Aibling verbracht.
Wenn er Janine einen Auftrag gab,
etwas zu holen,
sagte er etwa:
„Gehst obi und holst den Meniskus“
– womit Xaver in Medizinersprache den Patienten meinte,
der am Meniskus operiert werden sollte -
und Janine musste trotz ihrer Münchner Herkunft
eine Sekunde lang überlegen
bis ihr klar war,
dass das hieß:
„Geh runter“,
also zu den Kabinen,
in denen die zur Operation vorgesehenen Patienten saßen –
manche schon seit Stunden –
und hungrig und halbnackt
auf ihren Abtransport zu den Chirurgen warteten.
Dann wieder sagte Xaver
„Ich geh auffi“,
also nach oben in den Speisesaal,
oder „Ich geh aussi“,
also nach draußen eine rauchen,
oder wenn er in den OP musste
„Ich geh eini“.
Einmal konnte Janine sich nicht mehr beherrschen
und musste lauthals lachen,
als Xaver ihr mitteilte,
dass er nach vorne zur Anmeldung gehen würde:
„Ich geh firi.“
Dank Xaver also hatte sie sich schon ein wenig akklimatisiert,
obwohl es OP-Schwestern gab,
die ihr das Kraut ausschütteten,
wie der Bayer ebenfalls sagt,
die sie also voll Scheiße behandelten
und ihr den letzten Nerv raubten.
All diese kommunikativen und sozialen Neuheiten
waren der 16-Jährigen noch recht unheimlich.
In der Schule hatte sie keine Probleme gehabt ,
sondern war als hübsches Mädchen mit großem Busen sehr beliebt gewesen,
jedenfalls in ihrer Clique aus ebenfalls schönen Mädchen.
Die fetten Hässlichen natürlich hatten sie gehasst,
doch darüber konnte sie nur lachen.
Es war also ihr zweiter Tag,
die biestige OP-Schwester war gerade „eini“ verschwunden,
also in den OP,
als Xaver zu Janine sagte:
„Geh obi und hol den Meniskus.
Der wartet schon drei Stunden,
weil ein Notfall dazwischen kam.
Er ist in Kabine 4.“
Janine also fuhr nach unten
und holte den Herrn aus Kabine 4.
Er hatte nette grau schwarze Locken,
lustige braune Augen
und offensichtlich Humor,
obwohl er ohne Frühstück und Getränk
seit vier Stunden in der Kabine gesessen hatte.
„Meine Retterin“, seufzte er
und wirkte,
als wolle er sie umarmen.
Sie lächelte und begleitete ihn im Lift nach oben,
wo Xaver bereits wartete.
Der Meniskus musste erneut in eine Kabine,
wo er sich diesmal splitternackt ausziehen musste.
Als er herauskam, grinste er Janine frech an,
die ein bisschen erschrocken war.
Xaver bat den Herrn,
sich auf eine Liege zu legen
und breitete ein warmes feuchtes Tuch über ihm aus.
So würde er gleich in den OP gefahren werden.
„Du gehst mit eini“,
sagte Xaver,
„ich muss aussi“.
Janine durfte also die Liege in den OP rollen,
nachdem sie sich sterile Kleidung
und einen Mundschutz angezogen hatte.
Kaum waren sie im OP,
kam der Anästhesist auf sie zu,
bedankte sich
und sagte,
Janine solle dort stehen bleiben
und warten.
Nach wenigen Handgriffen,
bei welchen der Arzt dem Patienten eine Maske aufsetzte,
die eklige OP-Schwester eine Kanüle in die Ader am Arm des Mannes legte,
in die Narkosemittel geleitet wurde,
schlief der Grauhaarige ein.
Die OP-Schwester nahm ruckartig das feuchte Tuch
von seinem nackten Körper.
„Elisabeth“, rief es plötzlich von hinten.
„kumm mal firi!“
Xaver hatte offenbar fertig geraucht
und war hinten im OP,
wo er irgendetwas arrangierte.
Janine stand plötzlich alleine
und ganz nah an dem nackten betäubten Mann
und verspürte seltsame Regungen.
Sie sah sein entspanntes Gesicht
und stellte sich vor,
die vollen Lippen zu küssen.
Sie sah seine hellroten Brustwarzen
und stellte sich vor,
sie mit ihren Fingernägeln zu kneifen.
Sie sah seine spärlichen Brusthaare
und fand,
man sollte sie abrasieren.
Sie erblickte die schwarz grauen Schamhaare
und erfand im Geiste eine sexy Schamhaarfrisur.
Sie sah den friedlich schlummernden Schwanz
und spürte ihre Lippen
und ihre Zunge auf ihm.
Wenn er gewachsen wäre,
würde sie ihn zwischen ihre Brüste klemmen
und sich auf und ab bewegen,
bis er stocksteif würde
und kurz vor dem Abspritzen wäre.
Das würde sie aber noch hinauszögern,
er müsste ein bisschen betteln,
ihre Wangen wurden ganz heiß,
als sich die Liege mit dem Meniskus plötzlich wegbewegte.
Xaver war gekommen und schob den Mann zum OP-Tisch.
„Kannst obi gehen“,
rief er Janine zu,
„und das Kreuzband holen,
Kabine 7.“