Sehen
Nein, es war keine Dummheit
Sie war meine Klassenkameradin. Ja, schon damals gab es Jungen und Mädchen in einer Klasse. Und während die meisten Mädchen an ihrer Zweierschulbank eine Kameradin hatten, so hatten außer ich, alle Jungs auch ein Junge neben sich sitzen. Bei mir und Cordula war es etwas ganz Besonderes. Wir steckten gerade so im 13. Lebensjahr und kannten uns aus der Nachbarschaft. Cordulas Bruder Mattes war auch mein Freund und Cordula und meine Schwester Angelika waren auch befreundet. Aber die intimste, intensivste Freundschaft hatte sich tatsächlich zwischen Cordula und mir herausgestellt. Klar, war sie meine Schulbanknachbarin. Jetzt war es aber so, daß im Verlauf des letzten Jahres, sich in der Reifeentwicklung bei uns etwas gezeigt hatte. Sie legte einen körperlichen Reifeschub vor, dem ich nicht nachkommen konnte. Und auch in Punkto Pubertät – sie stand definitiv in diesem Jahr fest und bündig in ihrer Pubertät, während meine noch auf sich warten ließ. Klar, wir wissen alle, das ist bei Mädchen und Jungs so, die Mädchen sind halt früher reif. Und auch klar war, daß wir darüber gesprochen haben. Ja, so intim waren wir. Ich gab gerne zu, daß ich ihr reichlich hinterher war und sie akzeptierte das auch gern. Es sei ja nur eine Phase. Es kämen dann wieder Zeiten, bei denen sich so manches wieder ausgleichen würde. Doch mich irritierte, so glaubte ich, viel mehr als sie. Ihr plötzlich auftauchender Mädchenduft mit einer deutlichen Prise von junger Frau. Ich meine jetzt ohne Parfüm! Ja, sie roch plötzlich ganz anders. Und auch ich würde anders riechen, meinte sie, oder sie rieche mich jetzt einfach anders – viel mehr Schweiß, schwitzig und so. Tolles Kompliment, was? Dabei wußten wir beide, wie es immer war, wenn wir draußen rumgetollt sind, und Ringkämpfe und Wettspiele geliefert hatten. Da rochen wir beide nach Schweiß, klar, aber keiner von uns hätte je einen Gedanken an diese Tatsache verschwendet. Und dann saßen wir im Unterricht. In der letzten Reihe – ganz rechts außen. Neben uns saßen Tim und Klaus, dann kam der Mittelgang und dann wieder zwei Reihen Schüler und Schülerinnen. Cordula wußte genau, daß wir hier als die Letzten rechts außen ziemlich unbeobachtet waren. Vor allem unter der Schulbankplatte. Und da kam dann der Tag, wo sie meine Hand ergriff und diese auf ihren Oberschenkel ablegte. Warum ich sie darauf liegenließ und nicht gleich wegzog, kann ich heute nicht mehr sagen, jedenfalls waren ihre Beine insoweit nackt, als daß sie einen dünnen kurzen Rock und Kniestrümpfe trug. Meine Güte, was sollte ich tun? Ich hatte auf so eine Nummer – vor allem mit Cordula nun überhaupt keinen Bock. Was? Jetzt schon? Ging es mir durch den Kopf? Ich war längst noch nicht soweit – spielte mit den Jungs noch Cowboys und Indianer, tauschten Fußballbilder usw. Und jetzt das! Puh… Das Schöne war, wir sprachen nachmittags darüber. Meine Hand hielt ich aber noch eine mutige Weile auf ihrem Oberschenkel und ganz ein kleinweinig – so glaube ich zumindest – habe ich ihn auch gestreichelt. – Unsere Freundschaft war so eine gute Freundschaft. Wir sprachen ganz offen über den Vorfall und blieben befreundet bis zur Uni-Zeit. Sie zog zum studieren nach Marburg und ich nach Göttingen. Wir hatten, was das Studium betrifft, einfach verschiedene Interessen. Und wie das so geht im Leben – im Verlauf unserer Studienzeit hatten wir je einen Partner – die dann, ja traurig oder nicht traurig? – Lebenspartnerin, bzw. Lebenspartner wurden.
Und was mit unserem Ewigkeitsverlöbnis bis zu unserer Hochzeit, die wir uns damals schworen als wir 10 waren, werden würde… da haben wir früher überhaupt nicht drüber nachgedacht. Für uns war das einfach eine sonnenklare Kiste. Ja, so dumm waren wir. Aber nein, dumm ist einfach der falsche Ausdruck dafür. – Vor allem aber: unsere Freundschaft besteht immer noch!