Sehen

Neunter Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,
ich sitze gerade
am Küchentisch
und knete den Teig
für einen saftigen Apfelkuchen.

Die Hände voller Mehl,
der Duft von Zimt
und warmer Butter
zieht durch die Küche,
das Fenster zum Hof
ist offen.

Mein Mann sitzt mir gegenüber,
nascht frech
vom rohen Teig
und macht seine üblichen
spöttischen Bemerkungen
über „Frauenarbeit“
und dass ein Philosoph
schließlich nicht backen müsse.

Und genau bei diesem Naschen
musste ich
an deinen letzten Brief denken.

Es ist nicht nur gegen meinen Mann,
dass dein Zorn ausbricht,
nicht wahr?

Du bist auch eifersüchtig
auf Johannes,
weil er mir
ein paar Zeilen
gewidmet hat.

Ach, mein lieber Tobias.

Ich kann wirklich nichts dafür,
dass Männer mir dergleichen
Albernheiten schreiben.

Es geschieht einfach.

Ich lese sie alle –
manche sind besser,
manche weniger gelungen.

Man hat als Frau schließlich
eine gewisse Höflichkeit
zu wahren.

Wenn ich alle liebte,
die mir solche Schmeicheleien erzählen,
würdest du mich bald
allzu dankbar finden,
fürchte ich.

Ich ertrage deine schönen Zeilen
mit derselben nachsichtigen Großmut,
mit der ich auch die anderen ertrage.

Das ist alles.

Du siehst, ich registriere sehr genau,
wer mir schreibt
und wie gut die Briefe sind.

Aber das ändert nichts.

Ich belohn keine Avancen –
weder den gelungenen
noch den weniger gelungenen.

Während ich hier den Teig knete,
muss ich schmunzeln.

Manche Dinge brauchen Zeit
und Hitze,
bis sie etwas Richtiges werden.

Bei manchen schönen Worten
und manchen Männern
bleibt es jedoch
beim rohen Teig –
viel Versprechen,
aber nichts,
was man am Ende wirklich
genießen kann.

Deine Werbung schmeichelt mir,
das leugne ich nicht.

Du bist charmant und schreibst mit Hingabe.

Dennoch bleibe ich dabei:
Ich werde weder meine Ehe
noch mein Herz
für dich öffnen.

Draußen warten viele Frauen,
die sich danach verzehren würden,
solche Briefe von dir zu bekommen.

Jetzt muss ich den Kuchen
in den Ofen schieben,
bevor der Teig
noch klebriger wird.

Ich wünsche dir einen angenehmen,
hoffentlich etwas weniger eifersüchtigen Abend.

Deine Loretta

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