Sehen
Neununddreißigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich liege auf dem Sofa
und blättere
in bunten Reiseprospekten.
Der Brief liegt unter dem Kopfkissen
und wird ab und zu hervorgeholt,
um daran weiterzuschreiben,
bevor ich ihn wieder dort sorgsam verstecke
und mich dem Fernweh zuwende.
Oh ja, ich könnte Urlaub machen.
Und Anton und ich sind noch von einer sehr konservativen Fraktion
und schauen uns Dinge nicht im Internet an,
sondern blättern noch ganz herkömmlich
in Prospekten.
Anton macht dies auch sehr gerne,
obwohl er eher ablehnend eingestellt ist.
Das ist sehr interessant.
Er liest sich also einen Prospekt durch
mit wachsender Begeisterung,
nur um dann die Reise,
sagen wir,
nach Kreta zu verreißen
und lautstark darüber zu lamentieren,
man auf keinen Fall nach Kreta fliegen sollte.
Das ist eine Flucht
vor der eigenen Existenz,
sagt er,
man braucht keine fremden Länder
und danach vertieft er sich wieder
in einen Reiseprospekt.
Ich glaube, es ist das Rascheln des Papieres,
das hektische Suchen nach dem Preis
oder eventuellen Vergünstigungen,
das so viel Spaß macht.
Etwas, was mir das Internet nicht bietet,
obwohl es eigentlich komfortabler wäre,
man bekommt mehr Fotos etc.
Aber Papier hat so etwas Angenehmes,
das ich nicht beschreiben kann.
Es weckt in mir das Fernweh mehr,
als es irgendein elektronisches Bild könnte.
Und Fernweh habe ich,
aber ich habe nicht nur Fernweh nach anderen Orten,
sondern ich habe Fernweh nach dir.
Denn ich warte seit Tagen vergeblich
auf Post von dir
und das ist doch etwas,
was mich beunruhigt.
Und ich muss gestehen,
ich brauche deine Nachrichten.
Von daher wahrscheinlich auch dieser verzweifelte Versuch,
mich mit Reiseprospekten abzulenken
oder mit der Vorstellung,
irgendwo am Strand zu liegen
und mir die Sonne auf den Körper scheinen zu lassen,
und zu wissen,
mit einem Pina Colada in der Hand,
dass Anton zu Hause geblieben ist
und ich mich ganz in Gedanken dir widmen kann.
Von daher bitte und flehe ich dich an,
gib ein Lebenszeichen von dir.
Sage mir, dass du noch existierst.
Sage mir, dass du an mir interessiert bist.
Es grüßt dich eine leicht verzweifelte Loretta.