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Neunundfünfzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

ich sitze am Küchentisch
mit Kalender
und dem Rezeptheft
und plane die Mahlzeiten
für die Woche.

Dein Buch liegt zwischen zwei Kochbüchern,
in die ich öfter mal hineinschaue,
um mich ein bisschen kulinarisch inspirieren zu lassen,
denn man kann ja nicht immer dasselbe essen.

Ich denke übrigens sehr viel an dich
und ich denke auch daran,
wie es wäre,
dich täglich zu bekochen.

Oh ja, das wäre etwas,
was mir sehr großen Spaß machen würde,
dir die Mahlzeiten zu bereiten,
wenn du abends nach Hause gekommen bist,
abgekämpft von der Arbeit,
und ich schiebe dir ein wunderbares Gulasch hin,
das stundenlang zart vor sich hingeköchelt hat,
und ich würde mit großer Freude sehen,
wenn du es aufisst
und ich merke,
dass es dir schmeckt.

Anton ist da weit pragmatischer,
was das Essen betrifft.
Er sagt dann meistens nur,
danke,
oder es hat geschmeckt.

Er tupft sich dann mit einer Serviette
ein bisschen manieriert
die Lippen ab,
um dann ganz leise,
aber ich bekomme es trotzdem mit,
in das Taschentuch zu rülpsen.

Nein, mein Lieber,
am Essen merke ich,
an der Lust dich bekochen zu wollen,
dass du mein Ein und Alles bist.

Ja, das klingt ein bisschen verwegen,
und das ist es auch,
wenn ich es mir recht überlege.

Ich liebe dich, mein lieber Tobias,
und ich kann es kaum erwarten,
dir eine wunderbare Mahlzeit zu kredenzen,
aber jeder Bissen
und jeder gute Schluck Wein
hat natürlich auch immer
eine leicht bittere Note,
und die ist die,
dass du dir nicht einbilden kannst,
danach mit mir ins Bett zu gehen.

Ich muss sagen, die Vorstellung,
dass wir miteinander Sex haben,
behagt mir irgendwo nicht,
weil ich glaube,
dass Sex unsere doch sehr innige Beziehung zerstören würde.

Es würde auf das ewig gleiche Rammen hinauslaufen,
es würde darauf hinauslaufen,
dass wir einander irgendwann gleichgültig werden
und die Romantik verschwindet.

Und ich würde dich gerne behalten
als meinen liebenden Partner,
den ich achten kann,
zu dem ich aufschaue,
der mich inspiriert,
jeden Tag aufs Neue.

Und da ist das Problem,
dass Sex einfach das zerstört.

Ich weiß nicht, ob du mich da verstehen kannst,
aber es wäre keine gute Idee,
wenn wir uns körperlich vereinigen würden.

Gastronomisch ja, aber das profane Reinstecken
von Körperteilen in den anderen,
nein,
das würde unsere Liebe nur beliebig
und bedeutungslos machen.

Es grüßt dich in Liebe,
deine Loretta.

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