Sehen
Neunundsechzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich stehe auf dem Hof
mit dem schweren Teppich
über der Schulter.
Anton drückt sich mal wieder vor der Arbeit,
und er liegt faul
auf dem geblümten Sofa,
anstatt mir zu helfen.
Nun gut, selbst ist die Frau.
Ich kriege den Teppich
gerade so herunter.
Wir haben ja auch einen Fahrstuhl im Haus.
Auch wenn es ein altes Haus ist,
so wurde er doch schon
mit Fahrstuhl konzipiert.
Es ist so einer aus den zwanziger Jahren
des letzten Jahrhundert.
Alt, aber er funktioniert tadellos.
Aber du kennst ihn ja Selbst
fällt mir ein.
Und ich habe den Teppich
zusammengerollt,
einmal geknickt
und hinein in den Fahrstuhl geschoben.
Hier unten auf dem Hof
haben wir eine große Stange,
über die jeder den Teppich legen kann,
um ihn auszuklopfen.
Staubsaugen bringt nicht viel,
der Schmutz geht richtig tief
in den Teppich hinein.
Und dann gibt es diese schönen Teppichklopfer,
und man kann
das gute Stück vermöbeln.
Was ich auch tue, mit einem Schlag,
peng,
denke ich an Anton dafür,
dass er mich hier schuften lässt.
Und in meiner Fantasie
haue ich ihm das Teil
links und rechts
um die Ohren.
Ja, so ein bisschen kann man
seine Wut herauslassen
und seine gesamten
Sado-Maso-Empfindungen.
Aber mit jedem Schlag
entferne ich mich von Anton
und nähere mich
in Gedanken dir.
Und ich denke, vielleicht liebe ich dich ja.
Und zur Bekräftigung
schlage ich erst einmal
auf den Teppich so heftig,
dass mir der Staub
in die Nase fliegt
und ich kräftig niesen muss.
Und dann, nachdem ich wieder beginne,
auf den Teppich einzuprügeln,
stelle ich mir vor,
wie du hinter mir stehst
und mich beim Teppich ausklopfen berührst.
Ich lasse es geschehen,
aber ich merke,
dass deine Hände
fordernder werden.
Wir bewegen uns zum Klang meines Klopfens,
das zu Musik wird,
und ich presse mich
ein bisschen an deinen Unterleib.
Ich spüre deine Erregung,
deine Hitze,
die in dir aufsteigt.
Und ich spüre, dass du mehr willst.
Aber keck wie ich bin,
klopfe ich dreimal
auf den Teppich
und denke mir,
na, mein Herr,
so einfach bekommen Sie mich nicht.
Es grüßt dich, deine Loretta.