Sehen
Neunundvierzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich stehe hier
im Hausflur,
das heißt
im Treppenflur
oder eigentlich unten
am Absatz
im Treppenflur,
wenn du es ganz genau
wissen willst,
dort wo die Briefkästen sind
und unterhalte mich
mit dem Postboten.
Ich glaube, wir beide haben Bedürfnis
nach einem kleinen Schwätzchen,
der nun schon zehn Minuten geht.
Ich weiß,
er müsste eigentlich
die nächsten Briefe austragen,
aber scheinbar hat er genauso wenig Lust,
seiner Arbeit nachzugehen,
wie ich
die Treppen wieder hinaufzusteigen
und mich der Hausarbeit zu widmen.
Wir unterhalten uns eigentlich
über keine wichtigen Themen
und doch ist das irgendwo
etwas sehr Wichtiges.
Es ist ein leichtes,
lockeres Gespräch,
ein Geschwätz,
ein bisschen Klatsch
über die Nachbarn,
die wir beide
aus anderen Gründen beobachten.
Er eher aus dem Interesse heraus,
wer ist da,
wo lohnt es sich zu klingeln,
weil eine wichtige Nachricht
mit Unterschrift abgegeben werden muss.
Ich, weil ich mir anschaue,
wer schon wieder
für den Dreck im Haus verantwortlich ist,
der irgendwo abgestellt wurde,
weil man meint,
ein Hausflur sei ein Ort,
wo man ausrangierte Dinge deponieren kann,
weil man zu faul ist,
sie in eine öffentliche Müllhalde zu bringen.
Aber dieses Gespräch
ist auch ein seelisches Entrümpeln,
wenn ich schon an dem Punkt
der Müllhalde bin,
um dieses Bild einmal zu bemühen.
Ich habe solche lockeren,
leichten und heiteren Gespräche
mit Anton nicht.
Mit dir habe ich sie auch nicht,
aber das aus anderen Gründen.
Und mit dem Postboten
kann ich parlieren
und ich habe vor einiger Zeit festgestellt,
dass dieser Mann
alles andere als eine dumme Person ist,
was man ja denken könnte,
dass ein Postbote nicht klug genug war,
um einen anständigen Beruf zu ergreifen.
Manchmal kommt er mir vor,
als wäre er eine jugendliche Ausgabe von Anton.
Denn auch der Postbote
neigt zu einem Philosophieren,
aber eher aus einem heiteren Moment heraus.
Ich glaube, der Postbote ist eine positive kleine Ausgabe von Anton.
Aber das spielt jetzt keine Rolle.
Denn ich ertappe mich
bei etwas anderem.
Der Postbote erzählt gerade davon,
wie schön es ist,
laufend die Gegend zu erkunden
und auch weite Wege zu gehen.
Und ich überlege, ob ein weiter Weg,
den ich gehe,
nicht für mich im Moment
vielleicht die beste Option ist.
Wie das genau aussieht,
kann ich dir noch nicht sagen,
aber es steht als fixe Idee
in meinem Kopf.
Denn ich habe dir zwar gesagt,
dass ich weder ein- noch aus weiß,
was aber nicht bedeutet,
dass ich tatenlos bleibe.
Und glaube nicht, dass ich jemand bin,
der einfach jetzt sagt,
ich liebe dich
und alles über den Haufen wirft.
Das ist nicht meine Art.
Es grüßt dich, Loretta.