Sehen
Neunundzwanzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich stehe auf dem Trittbrett
einer kleinen Stufenleiter
und putze die großen Wohnzimmerfenster.
Zwei mal im Jahr sind die fällig.
Dies ist ein ordentlicher Haushalt.
Ich wünschte, Anton würde das einmal tun,
aber nein,
er liegt auf der Couch
und kommentiert,
dass wahre Klarheit
nicht von außen kommt.
Was für ein fauler Philosoph.
Aber ich will gar keine Klarheit
von außen.
Ich will Sonne
und die kommt nun mal nur von außen.
Und sie sieht durch ein schmutziges Wohnzimmerfenster
nicht sehr attraktiv aus.
Putzen reinigt auch die Seele.
Vielleicht putzt Anton deshalb nicht.
So braucht er seine Seele nicht zu reinigen,
obwohl ich glaube,
dass das angebracht wäre.
Nun, ich habe dir ja eine Tür verschlossen,
aber du hast mich darum gebeten,
sie wieder aufzumachen.
Und so wie ich ein Fenster putze,
um das Licht durchzulassen,
habe ich auch akzeptiert,
dir die Tür wieder zu öffnen,
damit du mich wieder besuchen kannst.
Aber du hattest mir versprochen,
dass du deine Gefühle zum Schweigen bringst.
Obwohl ich nicht weiß,
ob du das kannst.
Wirst du mich vergessen können?
Also ich meine,
wirst du deine Gefühle vergessen können,
wenn du mich täglich siehst?
Ich glaube, das ist eine Bedingung,
die ist fast unmöglich.
Und trotzdem stelle ich sie
und trotzdem lasse ich dich herein.
Manchmal öffnet man eine Tür,
obwohl man weiß,
was dahinter passiert.
Aber das ist der Reiz,
dass wir nicht wissen,
was kommen wird.
Aber das ist auch wiederum das Drama einer Beziehung,
dass man irgendwann weiß,
was kommen wird.
Vielleicht ist das der Punkt,
der dich attraktiver als Anton macht.
Aber vielleicht wärst du irgendwann auch nur ein anderer Anton. Und von daher glaube ich,
dass es besser ist,
so wie es ist.
Also Anton ist mein Mann
und du darfst mich ab und zu als Freund besuchen.
Das ist doch kein schlechtes Angebot.
Oder bist du da anderer Meinung?
Es grüßt dich, deine Loretta.