Sehen

Neunzehnter Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

ich liege schon im Bett,
das Buch aufgeschlagen
auf meiner Brust,
die Lampe wirft
ein warmes Licht
auf die Seiten.

Anton ist vor einer Stunde
in die Kneipe verschwunden
— »nur auf ein Bier«,
hat er gesagt.
Ich kenne diese Ausflüge.
Es wird später werden.

Und weißt du was? Ich bin gleichzeitig froh
und angewidert.

Froh, weil ich endlich Ruhe habe,
weil ich lesen kann,
ohne dass jemand neben mir schnarcht
oder laut über irgendwelche Weltprobleme philosophiert.

Angewidert, weil ich genau weiß,
wie er nachher riechen wird
und welche Ausreden er morgen früh haben wird.

Das Buch in meinen Händen
ist besser als jede Gesellschaft.
Es lügt mich wenigstens nicht an.

Ich bin nicht unglücklich heute Nacht.
Das ist wichtig —
ich sage es mir selbst,
damit ich es nicht vergesse.

Nicht glücklich, nein.
Aber ruhig.

Und diese Ruhe hat mich etwas gekostet,
das ich dir nicht genau benennen kann,
aber das ich sehr deutlich spüre,
wenn ich abends so daliege
und die Stille um mich herum
als Gewinn verbuche.

Irgendwann — ich weiß nicht mehr wann —
habe ich aufgehört,
mir bestimmte Dinge vorzustellen.

Das gegenseitige Vertrauen,
die wirkliche Freundschaft,
das beständige Verlangen,
das man sich für eine Ehe wünscht,
wenn man jung ist
und noch nicht weiß,
wie Ehen wirklich funktionieren.

Ich habe aufgehört,
nicht weil ich bitter geworden bin,
sondern weil ich gelernt habe,
was existiert
und was nur eine Idee ist.

Und Ideen, so schön sie sind,
wärmen nachts nicht.

Was wärmt: dieses Buch.
Diese Lampe.
Diese Stille,
die ich mir erkämpft habe,
indem ich aufgehört habe,
gegen das anzukämpfen,
was nicht zu ändern ist.

Manchmal ist Alleinsein
die ehrlichste Form der Ehe.

Ich schreibe dir das,
weil du derjenige bist,
dem ich es schreibe.

Ich überlege, warum das so ist.
Ich komme zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Und ich werde jetzt weiterlesen.
Gute Nacht, mein Lieber.
Deine Loretta.

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