Sehen
Nicht nur viel zu spät
Nicht einmal war´s gewesen.
Nicht einmal hatte ich das Glück Angie zu küssen –,
unsere Klassenschönste aus der Neunten!
Und dann, nach so vielen Jahren –
ich konnte es gar nicht glauben,
da traf ich sie auf der Straße –
ja, per Zufall.
Oder glaubt ihr an Vorsehung?
Sie lächelte mich an
und freute sich offenbar mich nach so langer Zeit wiederzusehen.
Wir gingen in ein Café,
tranken Kaffe zu einem Stück Torte
und verplauderten uns,
so daß wir nach über zwei Stunden feststellten –
wir wollten noch mehr.
Also uns wieder näher kennenlernen.
Nach so vielen Jahren.
Das nächste Treffen war dann gleich am anderen Tag
und es war Angie,
die vorgeschlagen hatte
für Nachmittags in einem vornehmen Hotel-Restaurant zu speisen.
Wir bestellten gutes Essen
und tranken guten Wein dazu.
Ich erzählte, auf eine Frage von ihr,
daß ich momentan alleinstehend bin.
Angies Lebensgeschichte seit unserer Schulentlassung,
war recht abenteuerlich.
Sie war gerade frisch geschieden
und war sehr wohlhabend geworden,
weil ihr reicher Ex-Mann ihr eine große Abfindung gewährt hatte.
Ihr Redefluß war noch so lebendig und geschmeidig wie früher,
und ihr Humor,
den ich bei ihr so liebte,
war noch genau der gleiche.
Sie flocht ihren Erzählungen immer witzige Sprüche ein,
die weiß Gott woher kamen,
aber einfach köstlich waren.
Doch dann, ich wußte nicht wie mir geschah –
fühlte ich ihre Hand unter dem Speisetisch auf mein Knie.
Was tun? Ich lächelte sie an.
Und als wäre dies eine Aufforderung zum Tanz,
ging sie in ihrer Rede einfach dazu über,
mir vorzuschlagen hier im Hotel-Restaurant ein Zimmer für die Nacht zu nehmen.
Ich hatte in meinem Kopf spontan eine Kußszene gesponnen –
also ein verspäteter alter Herzenswunsch,
der doch noch in Erfüllung geht.
Natürlich war ich einverstanden mit ihrer Idee.
So fanden wir uns wenig später auf dem Hotelflur –
Hand in Hand gehend –
wieder,
und vor unserer Zimmertür gab es dann den so lang ersehnten Kuß.
Doch was dann im Hotelzimmer sich aufgetan hat,
war für mich schockierend,
obwohl ich alles mitgemacht
und mir nichts,
aber auch gar nichts anmerken ließ –
daß ich schockiert war.
Angie zeigte sich sofort
nachdem wir die Zimmertür hinter uns zugemacht hatte,
als eine schäbig ordinäre Person,
die in Gossensprache eine Ouvertüre unserer weiteren Zusammenkunft einläutete.
Dabei riß sie sich die Kleider regelrecht vom Leib
und machte auch vor meinem Hemd nicht halt,
das sie als erstes vorn aufriß,
daß alle Knöpfe auf den Boden fielen.
Anfangs fand ich das Ganze auch geil,
und ich machte selbstverständlich alles mit,
was Angie so vorgab.
Denn sie war es, die die Initiative ergriff
und das sexuelle Geschehen allein lenkte und leitete.
Ich denke, sie kam letztendlich auch auf ihre Kosten,
denn eine Woge eines überschäumenden Orgasmus beendete ihr Tun.
Das Nachfühlen bestand aus wenigen gegenseitigen Küssen
auf unsere schweißnassen Körper
und einer Zigarette draußen auf dem Balkon.
Dann sah sie auf ihr Handy,
und meinte,
sie müsse leider noch –
um 23 Uhr! –,
zu einem wichtigen Treffen mit einer Freundin,
die in London wohnt
und nur noch bis morgen in unserer Stadt ist.
Nun denn, ich ließ sie gewähren.
Sie gab mir ihre Nummer
und schlug ein nächstes Treffen für nächste Woche vor.
Tschüß! –
Ich blieb noch lange wach,
trank den Champagner,
der noch ungeöffnet in der Kühlbox stand
und dachte nach.
Eine solche Enttäuschung war mir noch nie passiert.
Wenn ich gekonnt hätte,
würde ich dieses Erlebnis ungeschehen zurückdrehen –
als nie gewesen.
Mein Fazitgedanke war aber:
„So ist das,
wenn man etwas so sehr Gewünschtes –
ein ewig heiß geliebter Traum –
dann irgendwann DOCH erhält –
aber viel,
viel zu spät…!“ –
Es ist nicht nur SO anders,
und NICHT DASSELBE,
sondern es KANN nur enttäuschen,
weil die damalige Verliebtheit,
die unschuldige und mit Leichtigkeit versehene Verliebtheit,
nicht mehr da ist.
Hinzu kam ja dann noch ihre ordinäre Art,
mit der sie mich wohl beeindrucken wollte
und all das Drum und Dran unserer Vögelei.
Pfui Spinne!