Sehen
Nicht zufrieden
Ich stieg die Treppe herab.
In das Haus das mir empfohlen wurde.
Ich war als Journalist und Autor von Gedichten und Kurzgeschichten interessiert an der Thematik „Käufliche Liebe“.
Ich war gerade an einer längeren Geschichte dran, zu der mir noch einige Fakten fehlten.
Ich wollte darin nicht einfach irgendetwas behaupten, das ich gar nicht behaupten kann, weil ich´s nicht erlebt habe.
Also brachte mich dieser Beweggrund hierher.
Unten angelangt – ein Souterrain, wo vor der Eingangstür nur ein Hinweis auf einem kleinen Namensschild angebracht war, stand ich verlegen und las:
Para-Dies.
Das gab mir zu denken.
Diese Schreibweise.
Auf mein Schellen ging im Nu die Tür auf und man empfing mich wie einen alten Bekannten.
Es war eine schon in die Jahre gekommene dicke Dame, die grellgeschminkt und ordinär gekleidet war.
Typisch, dachte ich für mich.
Was ich denn wünsche, fragte mich die Dame.
Hier druckste ich etwas rum, wollte jedoch den „Erfahrenen“ herauskehren, aber es gelang mir offenbar nicht, denn die dicke Dame lächelte nachsichtig, legte ihre rechte Hand auf meinen Unterarm und lispelte:
„Ja, ich verstehe – ich empfehle Dir Nicole!“
– Was wollte sie verstanden haben?
Aber gut, ich zeigte mich einverstanden und wurde einen langen Flur entlang zu einer Tür die sich ganz hinten links, am Ende befand, geleitet.
Nach dem Klopfen, das die Dame deutlich hörbar unternommen hatte, öffnete sich die Tür und eine schrille weibliche Person erschien, die sich, mit weit geöffneten Augen die Frage der dicken Dame anhörte:
„Nicole, wenn du grad frei bist – hier ist ein Herr der neu ist.
Also sowas von neu sag ich.
Du verstehst?!“
– „Olala, sagte die Person nur, na denn mal rein!“
– Und zack stand ich vor dieser Person, die die Tür ihres Gemaches sowas von heftig hinter uns zugeknallt hatte, daß ich regelrecht zusammenzuckte.
„Noch nicht hier gewesen?“
war ihre erste Frage.
Auf mein „Nein“, erwiderte sie:
„Und überhaupt schonmal im Puff gewesen?“
Also hier war ich erstmal baff.
Was sollte ich daraufhin schon sagen?
Mein Herz pulsierte fast hörbar und schneller wie gewöhnlich.
Ich wußte überhaupt nicht zu antworten, stand einfach nur weiter da, bis eine erneute Frage von der schrillen Person auf mich traf:
„Wie heißt Du?“
– „Ich heiße Klaus“, war alles was ich herausbekam.
– „Ok Klaus, was möchtest Du, was sind so Deine Vorlieben?“
– Puh… das waren Fragen…
– Also als Journalist, und auch als Autor, habe ich in meinem Beruf und im Privaten ein sicheres Selbstbewußtsein und bewege mich in allen gesellschaftlichen Kreisen recht selbstsicher.
Aber hier, vor so einer Frau, mit so einem Anliegen im Hintergrund…
da verschlägt´s mir die Sprache –
da kommt eine Schüchternheit, ja eine Unsicherheit, eine seltsame Scham –
vor mir selbst –, an mich heran,
die mich schlicht und einfach – lähmt.
– Ich schaute mir diese Frau jetzt näher an –
sie war erstaunlich hübsch zu nennen,
und entgegen dem Klischee das in meinem Kopf so rumschwirrte, war sie relativ ordentlich gekleidet.
Das heißt, sie trug einen schwarzen kurzen engen Lederrock, Hochhackige, und einen hellblauen Angorapulli.
Doch grellgeschminkt war sie auch.
– Ich antwortete dann nach einer guten Weile:
„Ja, ich denke – so das Übliche…?!“
– „Ok, ich verstehe.
Leg mal Deine Sachen ab und dann kommste erstmal zu mir ans Bett Kleiner, gell?“
– Das war das Zeichen für mich zum Aufbruch.
Nee, auf sowas kann ich überhaupt nicht.
Das ist überhaupt nicht mein Niveau!
Was sind das für Sätze?
Wie spricht diese Person eigentlich mit mir?
Wer bin ich denn?
Ich glaube mich laust der Affe, so eine…
Na, für heute bin ich bedient.
Ich behielt meinen Mantel natürlich an,
und nach wenigen Sekunden meiner Verdutztheit drehte ich mich einfach zur Tür, öffnete sie und sagte im Hinaustreten:
„Danke schön, ich hab´s mir überlegt – vielleicht ein andermal.“,
und schloß die Tür leise und schlich mich über den langen Flur zum Ausgang hin.
Die Dicke Dame an der Pforte sah mich nur groß an und fragte:
„Nicht zufrieden?“
– Und ich antwortete:
„Nein, nicht zufrieden“,
und stieg die Treppe zur Straße hinauf –
an die frische Luft.