Sehen
Nikandros
Mein Vater und meine Mutter gaben mir den Namen Nikandros. Und ich wuchs auf und wurde ein Seher und Priester. Einer, den man aufsuchte, um gutes Wetter bei den Göttern zu erbitten. Und ich sagte dann: Opfere ein Lamm oder einen Stier oder etwas anderes, tue dies, tue jenes, um die Götter gnädig zu stimmen.
Man ist als Priester immer so ein bisschen in einer zwiespältigen Position. Einerseits haben die Leute Ehrfurcht vor einem, weil man in der Lage ist, mit den Göttern zu kommunizieren. Andererseits wird man auch immer ein bisschen abschätzig betrachtet, weil man öfter schlechte Zeichen überbringen muss. Und wer sieht die schon gerne? Nicht wenige Menschen, die schlechte Botschaften überbracht haben, sind dann getötet worden, als hätten sie irgendetwas mit der Botschaft zu tun.
Ich habe Kassandra übrigens einmal gesehen, und ich weiß, sie sah mich auch. Sie stand auf der Stadtmauer. Auch wenn sie blind war, konnte sie sehen. Und ich konnte sehen, dass sie es konnte. Es ist merkwürdig – es ist kein Sehen im herkömmlichen Sinn, sondern ein Spüren. Und sie spürte mich, ich spürte sie. Und wir hatten verwandtschaftliche Gefühle. Nicht dergestalt, dass wir zur selben Sippe gehörten, sondern dass wir oftmals Warnungen aussprachen, die in den Wind geschlagen wurden. Sie bei Odysseus' List mit dem trojanischen Pferd, und ich, der davor warnte, dass man beim Zyklopen nicht prahlen, nicht seinen Namen rufen solle. Und Odysseus rief ihn trotzdem übers Wasser. Da wusste ich: Das geht schlecht aus. Oder bei Ismaros: nicht plündern, nicht bleiben. Und sie tranken drei Tage und wurden natürlich niedergemacht. Nein, nein, nein.
Wir Seher haben keinen leichten Stand. Wir sagen den Menschen, was sie tun sollen. Wir geben ihnen einen guten Rat. Und dann wird er nur allzu oft in den Wind geschlagen.
Und dann die Sache mit den Rindern. Auch wenn du Hunger hast, geh nicht an die Rinder, an die heiligen Tiere. Aber der Hunger frisst zuerst den Glauben. Und das Schlimme ist: Sogar ich habe mich anstecken lassen. Ich, der Priester. Aber der Hunger war so groß und die Versuchung so stark. Gebratenes Fleisch, das dir in die Nase duftet, und du hast seit Tagen nichts im Bauch. Dann sagst du dir: Egal, ich muss etwas essen. Und dann hat der Mast mich erschlagen, auf dem Schiff. Kein Kampf, kein Gegner, nur ein kleiner Unfall.