Sehen
oben polterts
Es war drei Uhr nachts,
und Jens lag wach
in seinem Bett.
Die Stadt draußen hatte sich
endlich beruhigt:
Der Verkehr war zu einem
fernen Summen verebbt,
die letzten Rufe von
Passanten verhallt,
und selbst die Wände
des alten Hauses schienen
nun still.
Er kannte jedes Knarren hier,
jedes Seufzen der Rohre,
das wie ein vertrauter Rhythmus
durch die Nächte zog.
Deshalb erkannte er sofort,
was da oben begann –
ein Poltern, gedämpfte Laute,
dann das wiederholte Aufschlagen,
das durch die Decke drang.
Nicht zum ersten Mal.
Er hatte sie im Treppenhaus gesehen:
Sie mit abgewandtem Gesicht,
er mit einer Hand
an ihrem Arm,
die wie eine hilfreiche Geste wirkte,
aber etwas Bedrückenderes andeutete.
Jens starrte an die Decke,
das Herz pochte ihm
bis in die Schläfen.
Sollte er anrufen?
Die Polizei?
Was, wenn es nur
ein Streit war?
Wenn er sich täuschte
und sie es abstritt?
Was ging ihn das an,
in dieser anonymen Nachbarschaft,
wo man sich kaum grüßte?
Er drehte sich zur Wand,
zog die Decke über den Kopf.
Die Geräusche wurden lauter,
dann leiser,
ein Stöhnen,
ein dumpfer Schlag.
Jens presste die Augen zu,
zählte seine Atemzüge.
Endlich Stille.
Aber diese Stille war schwerer
als der Lärm –
ein Vakuum,
das ihn erdrückte,
als hätte er selbst
etwas zerbrochen.
Am nächsten Morgen checkte er
den Briefkasten der Nachbarn,
lauschte auf Schritte im Flur.
Er mied den Aufzug,
nahm die Treppe,
um nicht zufällig auf sie
zu treffen.
Abends googelte er
„häusliche Gewalt anonym melden“,
las Foren,
schloß den Tab.
Was, wenn er falsch lag?
Was, wenn es eskalierte
durch ihn?
Die Tage zogen sich hin.
Er sah sie einmal
mit Sonnenbrille im Hausflur,
nickte nur:
„Guten Tag.“
Sie murmelte etwas,
eilte weiter.
Jens fühlte sich wie ein Komplize,
ohne je ein Wort
gesagt zu haben.
Eine Woche später,
wieder drei Uhr nachts.
Das Poltern setzte ein,
die Schreie,
das Aufprallen.
Jens lag wach,
starrte ins Dunkel.
Er wusste jetzt:
Sein Schweigen war keine Neutralität,
sondern eine Wahl.
Die Stille danach umhüllte ihn
wie eine zweite Haut,
machte ihn zu einem Teil
des Ganzen –
unsichtbar,
aber mitschuldig.
Er drehte sich um,
wartete auf den Morgen,
der nichts ändern würde.