Sehen

Oh Mann

Claudia Carl

Ich wäre gerne ein Mann.
Vor allem beim Bäcker.
Oder im Cafe.
Oder beim Arzt.

Diesen Wunsch hatte ich früher nicht.
Erst seitdem ich einige Male gemeinsam mit meinem Mann beim Bäcker war.

Dieselbe Dame, die mich kaum anschaut,
wenn ich „zwei Mohnsemmeln“ sage,
die anscheinend einen schlechten Tag hat
oder mich einfach nicht mag,
die so verwirrt ist,
dass sie statt zwei Mohnsemmeln
nur eine einpackt
und dann noch mürrisch wird,
wenn ich darauf hinweise,
verwandelt sich
im Angesicht meines Mannes
in ein komplett anderes Wesen.

Ja, mein Mann sieht gut aus.
Er ist 185 Zentimeter groß,
Haare kurz geschnitten,
inzwischen etwas grau,
hellblaue Augen.

Er ist schlank geboren
und immer so geblieben,
er kann essen,
soviel er will.
Insofern ist er
der Traumkunde eines Bäckers.

Er liebt Krapfen, vor allem die Doppeldecker.
In der Mitte
eine fette Schicht Erdbeercreme,
das Ganze so hoch,
dass man kaum reinbeißen kann.

Er steht auch auf Schokocroissants,
weiße Semmeln,
Himbeerkuchen.

Von all dem kann er
irre viel in sich hineinstopfen,
tagsüber
oder auch abends nach 22 Uhr.

Nachts bevorzugt er allerdings
Gummibärchen,
Eis oder Schokobonbons.

Was er überhaupt nicht mag ist Vollkornbrot,
Gemüse
oder saure Gurken.

Alles Dinge, die ich notgedrungen zu mir nehme,
um nicht zu einer Fettwalze zu werden.

Außerdem wage ich nach 18 Uhr
nichts mehr zu essen,
um seinem Schönheitsideal
noch einigermaßen zu entsprechen.

Er liebt seine naturgegebene Überlegenheit.
Figur technisch
und auch sonst.

Er liegt gerne auf dem Sofa,
oben ohne
mit kampflos erworbenem Sixpack,
nur in seiner blauen Shorts,
auch im Winter.

Seine nackten Beine
sind wunderbar behaart
und er hat Riesenfüße.

Jedenfalls im Vergleich zu meinen.

Ein Wunder, dass du darauf überhaupt laufen kannst,
sagt er oft.

Und wieso ich nicht wie er problemlos
in die Hocke gehen
und auf den Füßen sitzen kann.

Er war in seiner Jugend Leistungssportler,
seine Muskeln sind immer noch hart wie Stahl.

Er tut mir oft versehentlich weh,
nur weil er so fest zupackt.

Er friert auch nicht.

Seine geizigen Eltern sparten zeitlebens
an der Heizung,
damit ist er aufgewachsen
und es hat ihn abgehärtet.

Ich erkälte mich bei jedem Luftzug.

Beim Bäcker jedenfalls
betritt er den Raum,
ich in der Schlange hinter ihm.

Die Augen der tumben Verkäuferin
fangen an zu glitzern,
sie kriegt einen rosa Schimmer
auf den Wangen,
sie lächelt
als habe er ihr gerade
das größte Kompliment gemacht,
dabei hat er sich beschwert
und sie aufgefordert,
die Krapfen auszutauschen.

Bitte nicht den halb Zerquetschten,
sondern den daneben.

Obwohl der Zerquetschte schon in Papier gehüllt war,
gehorcht sie sofort,
macht kleine Scherze darüber,
dass das Auge ja mitisst.

Und ob‘s noch etwas sein dürfe.

Jetzt denken Sie, er würde mit ihr flirten.
Macht er in dem Falle nicht.

Ganz im Gegenteil, er lässt einfach
seine grobe Männeraura
sich ausbreiten
und das weibliche Dienstleistungsgewerbe
schmilzt dahin.

Ich habe ihn einmal gefragt,
ob ihm das auffällt.

Er hatte keine Ahnung,
wovon ich spreche.

Kein Wunder, er ist damit aufgewachsen
genauso wie mit der eiskalten Heizung.

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