Sehen
Olfaktorisches Grundrauschen
Jeder kennt das:
Man kommt in eine Wohnung
und es riecht nach Sex.
Und dieser Sexgeruch
ist nicht einfach etwas,
was irgendwann verfliegt.
Er ist eine geheimnisvolle Substanz,
unsichtbar wie Pheromone,
der sich in den Wänden festsetzt.
Er kriecht in den Fasern
der Textilien.
Und mit jedem Atemzug
kam bei den Beteiligten
eine Erinnerung hoch,
an die vergangene Nacht.
Zuerst empfindet man ihn
als Trophäe:
die Wohnung riecht nach dem,
was man gemacht hat,
nach der rohen Mischung
aus Schweiß, Sperma, Zervixschleim
und dieser speziellen Säure,
die entsteht, wenn Haut
stundenlang aneinanderreibt.
Man lächelt sogar,
wenn man die Tür öffnet
und der Duft einem entgegenkommt.
Mit der Zeit kippt
die Wahrnehmung.
Der Geruch hört auf,
ein Ereignis zu sein,
und wird zum olfaktorischen Grundrauschen.
Er kriecht in die Polster,
in die Vorhänge,
in die Ritzen
zwischen Dielen.
Man lüftet stundenlang,
man wischt mit Essig,
man sprüht irgendwelche Neutralisierer,
die nach künstlicher Zitrone stinken –
und trotzdem bleibt er da,
gedämpft, aber hartnäckig,
wie ein Unterton,
der sich unter jede
andere Wahrnehmung legt.
Manchem wird es peinlich.
Was sollen die Gäste sagen?
Sie fangen den Kampf an.
Sie wechseln die Bettwäsche täglich,
sie duschen dreimal,
sie benutzen Parfüm
wie eine chemische Waffe.
Andere kapitulieren
und machen ihn zum Teil
ihrer Identität.
Sie sagen sich:
Wenn es so riecht,
dann leben wir wenigstens.
Dann ist hier etwas passiert,
das nicht sauber und kontrolliert war.
Der Gestank wird zum Beweis,
dass man nicht nur existiert,
sondern stattgefunden hat.
Und andere sind sogar stolz.
Hier wird noch gefickt,
ihr Klemmis.
Und täglich wird daran gearbeitet,
dass der Geruch ja schön
erneuert wird.
Bei manchen Single,
mischen sich auch die Gerüche
unzähliger One-Night-Stands
zu einem brisanten Geruchs-Cocktail.
Aber nichts ist für die Ewigkeit
und irgendwann hat es sich ausgefickt
und mit den Jahren verfliegt der Duft
und er verbleibt nur noch
als eine schöne Erinnerung
im Alter.
Jedenfalls wollen wir das glauben.
Wer will schon zu seinen Großeltern gehen
und den Geruch von frischem Sperma
in der Nase haben?