Sehen
On Tour
Er wollte aufhören.
Aufhören mit der Endlostour
durch die Afterworkparties der Stadt.
Aufhören mit dem schwachsinnigen Abgeknutsche
wildfremder Weiber.
Aufhören, Rita und Sabine und Eva und Sandra
seine Handynummer zu geben,
die so leicht zu merken war.
0172 888 777.
Morgens, wenn er mit schwerem Kopf aufwachte,
war meist schon eine sms da,
von Sharon oder Kim oder Jaqueline.
„Habe mich lange nicht so gut amüsiert wie mit euch“,
„hey, toller Mann, du gehst ganz schön ran,
freue mich auf die Fortsetzung“,
„hallo Herby, wann sehen wir uns wieder?“.
Dann konnte er nicht mehr einordnen,
welche die war,
mit er der sich am Zigarettenautomaten
vor dem Damenklo rumgedrückt hatte,
und welche die,
die er angesprochen hatte,
als sie die Treppe herunterkam.
„Eine Königin schreitet durch ihren Palast“,
hatte er zu ihr gesagt
und wenig später war sie
an ihrem Tisch vorbeigekommen,
der strategisch günstig mitten im Raum stand,
wie immer geschmückt
mit einer Flasche Schampus im Kühler.
Und schon war es wieder passiert.
Sie waren zu viert auf ihren Fischzügen.
Herby, kürzlich 48 geworden,
Studium abgebrochen,
in der Immobilienbranche einigermaßen erfolgreich.
Roland, 45, Anlageberater bei einer Bank,
Diagnose MS,
Krankheit aber noch nicht ausgebrochen.
Claus, 42, in die Höhe geschossen und schlank,
blonde Schmalzlocke,
die er mit Gel nach hinten kämmte,
Rechtsanwalt.
Und Hansi, Geschäftsführer eines Einkaufszentrums,
ihr Junior,
38.
Alle verfügten über sichtbar teure Anzüge,
die neuesten Hemdkragenmodelle
und die Fähigkeit,
mit dem wichtigsten,
was man in Münchens Nachtleben haben musste,
um sich zu werfen:
Geld.
Köder, die aber auch jede Frau,
und war sie noch so jung und noch so schön,
wie ein gieriger Fisch verschlang.
Herby hatte die Boy Group gründlich satt.
Die ewige Wiederholung desselben,
das Feststecken im Baggerwahn,
das Meer von Weibern,
in dem sie schwammen,
wo auch immer sie ihren Shampuskühler aufbauten.
Wenn Herby in einer der wenigen Nächte
alleine zu Hause war,
keine Shirley, Stella oder Marlen
in seinem Bett lag,
träumte er von einem anderen Leben.
Von EINEM Namen in seinem Leben.
Von einer Kontinuität.
Von einer – das Wort wagte er kaum zu denken –
von einer Liebe.
Er wollte aufhören.
Zur Ruhe kommen.
Die Eine finden.
Glück, Glück, diese dumme, narrische Wort.
Es steckte in ihm und warnte ihn.
Aufhören, aufhören,
wisperte es.
Aufhören, die wilde Jagd beenden,
mit Roland zum Starnberger See fahren
und endlich einmal über die Wahrheit sprechen.
Aufhören mit Champagner
und Gläserklirren
und Frauenlippen.
Seine Höhepunkte waren seicht geworden,
ein Läppern,
ein Versiegen.
Es lohnte sich schon lange nicht mehr,
Beute zu machen.
Er würde aufhören.
Nach seinem 50. Geburtstag.