Sehen
Only-Fan
Sie trifft sie in Bars.
In ihrem Kiez gibt es mehr als genug davon.
Teure und alternative.
Für jeden Geschmack ist was dabei.
Dieses Schuppen, wie sie sie nennt
und nicht Etablissements, wie so mancher
eitler Barkeeper,
sind ihr bevorzugtes Jagdrevier.
Ihre Masche ist schon
ins Unterbewusste eingebrannt:
ein Blick, ein Satz,
ein Getränk.
Es ist ja alles kostenlos.
Sie nimmt sie mit
und lässt sie glauben,
es ginge um Lust.
Auch um Nähe,
um diesen einen Moment,
den man sich einredet.
Komisch, dass auch Männer
um Nähe betteln.
Zu Hause, in der engen Wohnung
mit dem quietschenden Bettgestell,
läuft alles ab wie geplant.
Er zieht sich aus,
sie auch.
Eine Mechanik ohne Eile.
Fast wie im Bordell,
nur ohne Geldübergabe.
Dann der Punkt,
der überrascht.
Stattdessen greift sie zum Messer,
das auf dem Nachttisch liegt,
zwischen Kondomen und dem
halb vollen Glas Wasser.
Kein Drama, kein Schreien.
Nur ein sauberer Schnitt,
knapp über der Wurzel,
wie man es bei Steinpilzen macht,
damit der Stiel nicht splittert.
In ihrer Vorstellung ist es
jedes Mal dasselbe:
ein kurzes Zucken,
ein überraschtes Keuchen,
dann Stille.
Sie stellt sich vor,
wie sie die abgetrennten Teile
in ein Einmachglas legt,
mit Alkohol übergießt,
beschriftet mit Datum
und dem Vornamen,
den er ihr genannt hat.
Eine Sammlung, die wächst,
ohne dass jemand danach fragt.
Am nächsten Morgen steht sie auf,
während er noch schläft
oder schon weg ist.
Sie duscht kalt,
zieht dieselben Jeans an
wie gestern,
geht in die Küche
und macht Kaffee.
Ein, zwei Sekunden,
denkt sie an die vergangene Nacht,
dann ist es abgehakt.
Aber sonntags vormittags,
geht sie zu einem Regal
in einem Zimmer,
das nur für sie existiert,
und schreitet eine Reihe
von Regalen ab.
Eine Trophäensammlung von Einmachgläsern
mit sorgsam eingelegten Schwänzen
aller Couleur.
Groß, klein, gebogen.
Ordentlich beschriftet mit Tag,
Ort und dem Vornamen
des Kerls.
So viel Ordnung muss sein.
Und Stolz leuchtet in ihrem Gesicht auf
und sie denkt:
„Ich bin euer Only-Fan.“