Sehen
Pass auf
Das Leben ist oft langweilig.
Schon als Kind.
Unser Haus in dieser stillen Straße.
Wenn es dunkel wird,
geht kein Mensch mehr vorbei.
Die Nachbarsmädchen.
Der kleine Bruder.
Das Rollerfahren.
Kein Flipper.
Kein Fury.
Ja, warum ist hier nicht Florida,
wo ein Delphin das Haustier ist,
warum nicht der wilde Westen,
wo man sich schon als Kind
auf den Rücken eines galoppierenden Pferdes schwingt?
Warum ist hier nichts
als eine Frau am Herd,
die Essen vorbereitet
und dann dringend Mittagsschlaf machen muss.
Es gibt nur eines, das hier spannend ist.
Die Gefahr im Feld.
„Sei vorsichtig, wenn du mit dem Roller ins Feld fährst“,
sagt die Mutter.
„Es gibt böse Männer.“
Ich habe Angst. Und fahre mit dem Roller ins Feld.
Ich schaue auf die im Wind wackelnden Ähren
der reifen Felder im August.
Es ist heiß.
In diesen Ähren könnte sich so einer verstecken,
sagt meine Mutter.
Ich rechne mit allem,
wenn ich vorbei rollere.
Das erste Feld, das zweite Feld,
dann der kleine Weg,
der zum Wäldchen führt.
Eigentlich müssten diese Männer
sich genau dort verstecken.
Ich rollere den holprigen Weg entlang,
irgendwann muss ich schieben.
Es wird sumpfig. Große Wasserlachen stehen
zwischen den Bäumen und Büschen.
Darin liegen verdächtige Dinge.
Eine alte Matratze,
vollgesogen mit braunem Wasser.
Eimer, in denen noch Farbe klebt.
Undefinierbares,
Verrottetes.
Ich schiebe vorbei an der unheimlichen Szenerie,
zwischen den Ästen winken Geister.
Ich bin ganz alleine
und 300 Meter von zu Hause.
Adrenalinstöße schießen durch meine Adern.
Ich rollere weiter,
weg vom Wäldchen zur Bahnlinie,
zu einem unbeschränkten Bahnübergang.
Wir waren schon oft dort,
meine Freundinnen und ich.
Es ist ein Ort, an dem es uns gruselt,
wir kommen immer wieder dorthin.
Man muss auf eine Taste drücken,
um nicht von einem Zug überfahren zu werden.
Also bevor man über die Gleise geht.
Dann meldet sich ein Mann aus dem Stellwerk,
es ist auf der linken Seite
ein ganzes Stück entfernt.
Wir können dort niemanden erkennen.
Doch der Mann im Stellwerk
kann uns sehen.
Auf eine Art sind wir alte Bekannte.
Kann ich rüberfahren
oder kommt ein Zug?
Die tiefe männliche Stimme
macht Witze.
Sagt unverständliche Worte.
Lacht.
Ich schaue nach links und rechts,
sehe keinen Zug
und fahre einfach los.
Zum Glück sind mir heute wieder
keine bösen Männer begegnet.
Im langweiligen Haus
gibt es Abendessen.