Sehen
Persönlichkeit
Ach je, wie sie dasitzt,
als würde sie eine ganz
einfache Frau sein
Sie kann geradeaus schauen
ohne etwas zu sehen,
sie ist eine Nichtseherin
Ich weiß keinen Weg zu ihr
hinzugelangen – also keinen Hinweg
Sie geht geradlinig,
ich mache Umwege,
sie beruhigt, ich reize
Wenn sie keine solche Persönlichkeit wäre,
wäre sie für mich eine Nackte
Eine nackte Person – egal ob
angezogen oder entkleidet –
einfach nackt
Ihren Körper habe ich nur
ein einziges Mal nackt gesehen
Das war ganz am Anfang –
als ich sie fragte ob
ihre gebräunte Haut nahtlos sei
Da zog sie gleich ihr
helles Sommerkleid über ihren Kopf
und stand nackt
Ich war wie von Sinnen,
wollte mir nichts anmerken lassen,
aber sie merkte es
Ansonsten ist sie keine Schönheit,
nein durchaus nicht
Eine junge Frau ist nackt
immer schön, und wenn ihr Gesicht –
wie bei ihr – nicht schön,
sondern unschön ist,
dann braucht sie ihr Gesicht nur verbergen,
aussparen, und ihr übriger Körper ist –
nackt, schön.
Selbstverständlich.
Das würde sie selbst auch so sehen,
sie hat es sogar einmal gesagt,
ja, das mit dem –
junge nackte Frauen sind alle schön.
Und die, die ein häßliches Gesicht haben,
sollen ihre Gesichter einfach nur bedecken –
mit einem Schleier, oder mit ihren Händen,
dann sind sie genauso schön wie nackte junge Frauen
mit schönen Gesichtern.
Aber sie, die zudem noch eine Persönlichkeit ist,
die nicht eine Allerweltsfrau ist,
ist wunderschön.
Ihr Körper, insbesondere ihr nackter –
und ihr Gesicht – das nicht schön,
im Sinne von klassischer Ästhetik ist,
ist in Gesamtheit schön.
Der Ausdruck in ihrem Gesicht,
der etwas aussagt, ist schön,
weil er ein Rätsel ist.
Zusammen mit ihrem Körper,
ist dieses Gesicht ein Geheimnis –
und noch schöner!
Ich sitze hier und betrachte sie –
angezogen ist sie wie ein Mann.
Sie trägt einen hellgrauen Hosenanzug
und schwarze, flache Lackschuhe.
Sie schaut hin und wieder zu mir rüber –
aber wie abwesend, ohne zu sehen.
Und ich wie gebannt –;
ich sehe sie wie ein Erscheinung.
Ich schaue wie –
wie ich es nicht erklären kann.
Es ist ein Gefühl des Sehens.
Ich spüre mein Sehen zu ihr.
Ich nehme sie wahr wie eine Statue aus Marmor –
in einem Museum.
Und ich bleibe dabei:
sie ist eine Persönlichkeit –
eine echte Persönlichkeit,
die einen in Bann schlägt –
wie mich.
Kein Fotomodell kann es mit ihrer Schönheit aufnehmen,
kein Model von namhaften Laufstegen.
Keine gefeierte Filmdiva.
Sie würden alle neben ihr verblassen.
Ja, das macht allein ihre Persönlichkeit,
sie ist außergewöhnlich – ihre Persönlichkeit.
Sie hat ein einzigartiges Talent –
in einer Disziplin –
die hier nicht gesagt werden kann.