Sehen

Phänomen

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Vor mir steht eine Frau. Eine nackte Frau. Ich bin Maler und sie ist ein Model das für mich arbeitet. Sie wäre für den gesamten Nachmittag bei mir. Ich stehe vor der Staffelei, will gerade anfangen, als ich plötzlich eine Art Eingebung verspüre. Ich schaue mir die Frau, die ich zuvor noch nie gesehen habe, genauer an. Sie denkt, es hat was mit meiner künstlerischen Arbeit zu tun und steht geduldig und stumm weiter auf den Holzdielen des Ateliers. Eine nackte Frau. Steht einfach so vor mir. Allein diese Tatsache löst etwas in mir aus. Wäre es ein nackter Mann, ein alter nackter Mann, ein nacktes Kind, eine nackte alte Frau – es wäre ganz etwas anderes. Und ja, man würde mir nicht nur beipflichten, daß es ganz normal für einen Mann ist, daß eine nackte Frau etwas in einem auslöst, sondern diese „Normalität“ auch als völlig unspektakulär einstufen. Doch ich empfinde diese Situation gerade als ein Phänomen. Als eine Art Ausnahmeerscheinung. Eine Naturerscheinung. Ich betrachte die nackte Frau als ein Wesen, das etwas Besonderes in mir auslöst. Es ist eine sinnliche Wahrnehmung, die mehr ist als das Gefühl im Wasser zu schwimmen, oder ein gutes Essen zu genießen. Die Anziehung, die von der nackten Frau auf mich übergeht, ist natürlich auch erotischer Natur. Aber was sagt mir das? Das es nur natürlich wäre, mit ihr Sex haben zu wollen? Ich denke es ist viel mehr. Für mich ist sie eine Naturerscheinung von der ich gerade jetzt – mehr erfahren möchte. Ich möchte das Erkennen dieser nackten Frau, als erweiterte Erfahrung wahrnehmen und meine individuelle Sichtweise – also mein persönliches „Wie sehe ich diese nackte Frau“ danach ausrichten. Ich sage mal „magisch“. Magisch insofern, als daß dieser Begriff mehrere Dinge beinhaltet, die alle darin einfließen – wie etwa „geheimnisvoll“, „bezaubernd“, oder „übernatürlich“. Das sind alles Wirkungen die mich beim Anblick der nackten Frau beeinflussen, und diese Gesamt-Faszination übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft in mir aus. Sie ist wunderschön. Wie sie dasteht. Sie ist Rumänin, spricht mit sehr hartem Akzent, aber ich finde das charmant. Wenn sie lächelt ist sie noch schöner. Ihre langen gewellten schwarzen Haare, reichen ihr bis weit über ihre Schultern. Dunkelbraune Augen. Ein wunderschönes Gesicht. Eine makellose, gute Figur. Ausgeprägte Hüften, eine dafür schmale Taille, schöne Beine mit kräftigen Schenkeln. Ein wohlgeformter schöner Po. Ihre Brüste sind, dafür, daß sie eher kräftiger Natur ist, relativ klein, aber auch wunderschön. Mit dunklen schönen Brustwarzen. Ich stehe vor ihr und sie ahnt noch immer nicht, was in mir gerade vorgeht. Ich möchte sie jetzt am liebsten umarmen, an mich drücken, liebkosen. Beriechen – sie in mich aufnehmen. Ich möchte mich vor sie hinknien. Eine einzigartige Erfahrung. Ich werde darüber nachdenken. Schreiben. Eine schöne nackte Frau. Ein Phänomen.

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