Sehen
Philon
Es ist komisch – so wie das Bewusstsein, das irgendwann einfach da ist und sich nicht erinnern kann, wie es entstand; es war einfach da. Und so ist es auch, wenn man den Hades betritt. Man ist plötzlich da – nur mit dem Unterschied, dass man weiß, was vorher geschehen ist. Beim Eintritt in die Welt weiß man nicht, was vorher war.
Ich weiß, dass mir - Philon -ein Zyklop den Kopf abbiss. Es geschah in dieser Höhle, in der ich mit Odysseus und den anderen war, um nach Essen zu suchen. Ich hatte kein gutes Gefühl bei den Fliegen, die aus dieser Höhle kamen, in der es nach Kadaver roch. Aber wo ein Kadaver ist, da ist vielleicht noch etwas zu essen, dachten wir uns. Denn wir hatten Hunger. Wir waren tagelang auf unserem Schiff getrieben. Wir hatten keine Köder, um Fische zu angeln. Und wir hatten entsetzlichen Hunger.
Dieser Hunger trieb uns in die Höhle, und kaum waren wir drinnen und hatten uns an die Dunkelheit gewöhnt, da kam der Zyklop, verschloss die Höhle, und man merkte, dass er uns roch. Auch wenn er nur ein Auge hat, kann er doch sehr gut riechen. Und er roch uns, und wir waren für ihn Frischfleisch. Er musste nicht auf seine geliebten Schafe zurückgreifen, sondern konnte sich an uns ergötzen.
Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie er mich mit seiner Pranke gepackt und hochgehoben hatte; dann verschwand mein Kopf in seinem Schlund, und ich merkte, wie sich seine Zähne in meinen Hals gruben und ihn abrissen. Und dann wanderte mein Kopf die Speiseröhre hinunter bis in den Magen, wo er mich verdaute. Ich hörte noch in den Sekunden, bevor es mich in den Hades riss, wie mein Körper wieder auf den Erdboden klatschte. Er hatte nur meinen Kopf hinuntergeschluckt; zu mehr war ich nicht zu gebrauchen.
Und dann war ich plötzlich im Hades. Ich sah Demetrius wieder, den wir auf dem Weg nach Troja verloren hatten und der plötzlich verschwunden war. Wir hatten schon gedacht, dass ihn die Wellen verschluckt hätten. Er erzählte mir dann, wie er noch die Silhouette unseres Schiffes gesehen hatte, bis er jämmerlich ertrank. Ich weiß nicht, welcher Tod schöner ist – ertrinken oder von einem Zyklopen gefressen werden. Aber die Arten des Todes sind so vielfältig, wie es Menschen auf dieser Welt gibt. Sicher ist nur, dass der Weg in den Hades jedem von uns vorbestimmt ist. Und das Einzige, worauf man hoffen kann, ist, dass er nicht allzu beschwerlich wird.