Sehen
Philosophie auf einer Parkbank
Ich saß auf der Parkbank
unseres städtischen Stadtgartens.
Auf meiner Lieblingsbank,
direkt vor dem Ententeich.
Dort kann ich immer so herrlich nachdenken –
philosophieren –,
und dort kommen mir die besten Ideen
zu Geschichten,
die ich gleich in mein Skriptbuch skizziere.
Manchmal sind es absurde Ideen.
Wie letzte Woche,
da ließ mich ein Gedanke nicht los –
ich wollte ihn zuendedenken:
Warum dürfen Männer nicht weinen?
Ja, sie dürfen schon,
aber…
Mal langsam.
Natürlich gibt es Situationen,
da dürfen Männer weinen.
Bei Todesnachrichten ihrer nahen Angehörigen,
am offenen Grab von ihren Liebsten,
bei krassen Schicksalsschlägen
usw.
Das ist eh klar.
Aber sonst eben nicht.
Und nein,
nicht weil es als unmännlich angesehen wird,
nein,
unser menschlicher Instinkt
versagt uns wohl darin
die Toleranz
solches einfach zuzulassen.
Eine Frau die weint,
ist ein tief menschlicher Anblick.
Ein Anblick der sofort Empathie auslöst,
ein Mitgefühl,
das bisweilen sogar einen Beschützerinstinkt
in uns Männern weckt.
Wenn aber ein Mann weint,
passiert das nicht.
Der Anblick eines weinenden Mannes
(außer in oben genannten Ausnahmesituationen)
erweckt Befremden,
Hilflosigkeit –
ja manchmal sogar Widerwillen –,
oder gar eine Art Ekelgefühl.
Unser angeborenes Mitgefühl
gerät in Konflikt.
Eine seltsame Diskrepanz entsteht,
und gewisse Fragen müssen erstmal beantwortet sein:
Ist das Weinen des Mannes gerade berechtigt?
Ist sein Erleben so heftig,
daß ihm sein Weinen „erlaubt“ ist?
Oder ist er doch nur so ein verweichlichter –
unmännlicher – Mann?
Und diesen,
so gar nicht neuen Gedanken,
dachte ich dann noch erweiternd:
Ich stellte mir eine weinende nackte Frau vor.
Wie sie etwa hier im Stadtgarten
in einem niederen Gebüsch
sich niedergehockt,
heftig weinend dort im Gras kniet
und Hände ringend zu mir aufschaut.
Wie tief mitleiderregend!
So würde ich empfinden –
und ihre Hände ergreifen
und sie erstmal umarmen
und zu trösten versuchen.
Und dagegen das gleiche Bild
mit einem weinenden nackten Mann,
der genauso dort niederhockt,
im Gras kniend heftig weint
und zu mir Händeringend aufschaut.
Oh Gott,
wie widerlich –
so würde ich empfinden.
Warum ist das so?
Es sind beides Menschen.
Der eine ist ein Mann,
der andere Mensch ist eine Frau.
– Da hatte ich erstmal was zu denken.